Kein Entkommen

 

Die Krähen, Boten der Unterwelt, Spione des Teufels, gehüllt in schwarzes Gewand, wandelbar und unerkennbar schweben sie über uns, unter uns.

Ihre pechfarbenen Schwingen schließen uns in eine Umarmung,

wir fühlen die kalten Federn auf unserer Haut, spüren ihren eisigen Atem in unserem Nacken. Angst packt uns, wir wissen nicht wovor.

Ein Hauch umspült unsere Körper, lässt unser Haar verspielt zurückweichen.

Die Flügel der Vögel schlagen zusammen, ein tosender Orkan.

Wir werden fort gestoßen, mitgerissen in die Fluten.

Es ist unser Gewissen, unser Verstand der uns mit sich zog, weit weg,

so weit weg wie nur irgend möglich von jenen, die dem Tod näher sind als alle anderen.

Ihr Kreischen lässt uns erstarren, zerreißt unser Trommelfell, einer Ohnmacht nahe.

Ihr unbändiger Zorn, flammende Wut versucht uns niederzuschlagen.

Wir falten die Hände über unseren Köpfen, beten zum Himmel,

zu den Göttern, im Flehen uns zu erlösen.

Bäume werden gnadenlos entwurzelt, ihre Blätter durcheinander gewirbelt,

ohne auf ihr hilfloses Schreien zu reagieren. Blumen,

das taufrische Gras neigt sich zu Boden, einer vorsichtigen Verbeugung gleich kommend. Das Zucken ihrer schmalen Leiber wird übersehen.

Unsere Gesichter werden von Furch verzerrt,

unsere Augen sind krampfhaft zusammengepresst, unsere Rufe gehen im Sturm unter.

Wir versuchen sie zu verletzen, ihnen die Haut von den blanken Knochen zu reißen.

Sie wirkten so verletzlich im bleiernen Mondlicht.

Ihre Augen wirken so stumpf, leer.

Als unsere Fingerspitzen ihre Krallen berühren, Zacken, die zum verletzen gemacht worden waren, erschrecken wir, öffnen verstört die blanken Münder.

Eiserne Ketten liegen um die schmalen Zehen, pressen sie fest zusammen, hinterlassen Striemen auf der dünnen Haut.

Blut sickert zwischen ihnen hervor.

Wir sehen den Krähen erneut ins Gesicht, erwarten eine Regung, ein verschwindendes Licht.

Ihre Augen weiterhin trübe, leer, ein finsterer Schleier.

 

Wir öffnen fragend die Lider, sehen uns verwundert an.

Das Kreischen wirkt farblos, gegen die Ketten.

Die eisigen Federn verlieren an Glanz im Angesicht mit dem Kerker, der sich allgegenwärtig um sie schloss.

Eine Hand wird langsam erhoben, bewegt sich auf den Vogel zu, der gleichgültig in die Ferne starrt, zu kämpfen verlernt hat.

 

Wir erkennen ihn.

 

Er ist nicht Bote, nicht Kundschafter zwischen Himmel und Hölle.

Er ist nichts als ein Vogel, dem der Tod die Freiheit nahm, dem Ketten angelegt wurden,

um ihn zu halten, davon abzuhalten zu fliehen.

Ein Blinder Abkömmling jener, die einst in Hehrscharen die Wälder bevölkerten,

Mit ihren schmalen Körpern die Sonne verdunkelten, um uns an die Schönheit der Nacht zu erinnern.

 

Wir weinen bittere Tränen, als wir uns der Schuld bewusst werden, mit der wir unsere weißen Leiber beschmutzten.

Wir taten ihnen Unrecht, steinernes, hartes Unrecht.

 

Wir setzen dazu an sie zu befreien, die Fesseln zu lösen, das Blut fort zu wischen.

Ein Stromschlag lässt uns zurückfahren, wir wimmern leise auf.

Eine Stimme ertönt, weißt uns zurück, schlägt uns fort.

Wir landen in unserer Welt,

unsere Finger wund, wir wissen nicht wovon

unsere Wangen von Tränen bedeckt, wir wissen nicht woher.

Haben bereits wieder vergessen, die Lehre, die wir zu schließen hatten,

aus der Erkenntnis, dem Tod niemals entrinnen zu können.

Der Teufel, die Götter nehmen, nach was es sie dürstet, verlangt.

Wir waren töricht zu glauben, uns ihnen widersetzen zu können.

Nun ist es vergessen, hinter blinden Augen stumm geschrieben,

wir sehen uns an, lächeln.

Unverständnis im Herzen, Hoffnung im Kopf.

 

 

14.11.10 18:48, kommentieren

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Das Mädchen

Das Mädchen

 

In Lumpen, die an ihr zu groß und klobig wirkten saß sie im Angesicht der Zuschauerreihen. Eine Strähne hatte sich aus der Frisur gelöst, die ihr eng an die Kopfhaut gebunden worden war. In ihren zitternden Händen hielt sie ein Blatt Papier, zerknittert, von vielen Berührungen zerfressen. Sie war zum lesen gekommen, und sie las. Ein erstickter Ausruf ging durch die bisher gespannt wartende Menge. Falsch hatte sie die Worte betont, zu hoch, zu tief, nicht richtig, wie absichtlich. Sie hielt inne, sah mit großen ewig staunenden Augen auf die Menschen, als hätte sie den Klang ihrer eigenen Stimme zu hören verlernt, als hätte sie schon zu oft die Melodie verstellt, die fortwährend ihrer Kehle entrann. Ihr Mund war leicht geöffnet, die vollen Lippen eine sanft geschwungene Frage nach dem Warum. Aber wer war das Mädchen, dessen blauer Traum sie kaputt gemacht hatte, die „Halt“ Ruhe so oft vernommen hatte, dass sie taub geworden war, so taub, dass sich selbst ihre Seele beim versuch sie zu erreichen heiser geschrien hatte? Von Fern wirkte sie puppengleich, schmal, aus kostbarem weißem Porzellan, dem man mit wenigen Strichen Farbe gegeben hatte, aber nicht Leuchten, dass den glasklaren Augen ursprünglich hatte entströmen sollen. Ihr Herz hatte man dem Kind in die feingliedrigen, beinahe durchsichtigen Hände gegeben, die es nur mit den Fingerspitzen hielten. Es war in ein seidiges Tuch gehüllt, dass ihm einen perlmuttfarbenen Schimmer verlieh, aber, sollte es ihr entgleiten, hilflos dabei zusehen würde, wie es am Boden in winzige Splitter zerbarst. Sie war ein Schatten, auf der Suche nach jenem, dessen dunkle Seite, dessen Gegenstück sie war. Ein Dämon, der, sollte er seinen Erschaffer finden, jenem den Körper nehmen würde, um selbst davon Besitz zu ergreifen. Doch sie würde nicht bemerken, dass auch Schatten leblose Hüllen hinterließen, wandten sie sich vom Leben ab. „Sieh dich an, Kind.“ Flüsterten die Sterne in hilfloser Besorgnis. „Schau dir einmal, einmal nur ins Herz.“ Doch das Mädchen wollte nicht hören, ihre Wangen färbten sich flammend rot und ihre Entgegnung war hart und kalt: „Ich kenne mich, jedes winzige Stück meiner Haut. Stört mich nicht, ihr, die doch nur längst verklungene Lichter seid. Ihr braucht mich nicht zu belehren, begreift vorerst selbst, wie erbärmlich ihr euch zeigt.“ Die Sterne schwiegen, sahen einander an, weinten. Sie hassten harte Worte, die den feinen Staub von ihren Strahlen fegten, die ihnen das Lächeln aus den Mundwinkeln stahlen. Langsam, im letzen Blick verharrend wandten sie ihr den Rücken zu, bereit zu verzeihen. Sie saß bereits wieder auf ihrem Stuhl, Wissen, Glaube und tief sitzende Selbstzweifel und las falsch ertappte Lügen. Wünsche, die einst weiß gewesen waren.

10.11.10 14:58, kommentieren

!

Und es beginnt alles an Sinn zu verlieren,

Und es beginnt uns alle des Verstand's zu berauben

Und es beginnt jeden von uns mit sich zu reißen

Und es beginnt sich in unser'n Herzen fest zu beißen.

Gemeinsam einsam.

Du läufst mit ihnen, redest mit ihnen, lachst, wenn du glaubst, lachen zu müssen.

Verschenke ein wertloses Lächeln.

Rede, ohne, dass dir jemand zuhört

Rede, im Wissen gegen eine Wand zu sprechen

Rede, wenn du auch weißt, dass niemand das Gesagte wird bezeugen können.

Perlen vor die Säue.

Und du schreibst von Hass, im Glauben schreiben zu müssen. Wendest den Blick ab, sobald sie den Mund öffnen.

Fremdschämen.

Du weißt, dass du später wieder verneinen wirst, was du einmal ernst meintest. "Hass? Ach Quark, jeder ist doch mal depri, kennst' doch auch selber." ein schiefes Grinsen.

 

Und du bemerkst selber mit der Zeit, dass du jetzt jeden Abend weinst.

                                                                                 

8.11.10 17:40, kommentieren

Es tropft

meine Wangen sind nass

ein verwunderter Blick

ich hatte die Tränen nicht bemerkt

Jetzt

spülen sie alles hinfort

Trauer

Unverständnis über das Unwissen mancher

Leere Worte

machen mich kaputt

falsche Gefühle

lassen mich weinen

jetzt

wie immer

und wieder tanz ich allein

 

 

2.11.10 21:27, kommentieren

Liebe


Liebe

 

Sie umschlingt dich, ein unsichtbarer Umhang gewebt aus Verstand, ein steinernes Tuch, engmaschig um unsere Köpfe gelegt, bricht die Verbindung zwischen oben und unten.

Haupt und Herz. Sie trägt ein Kleid, gold besetzte Spitzen mit zarten, zerbrechlichen Seufzern versehen. Der Saum aus Sternenstaub, gesammelt in einsamen Nächten, die sie mit sich zu bringen versprochen hatte. Samt und Seide, Diamanten und Brillianten.

Langes, dichtes Haar fällt in weichen Wellen über ihre Schulter, es glänzt in der Morgensonne, schimmert im Mondschein. Ihre Lippen leuchten, ein dunkles Rot, wie Blut, wie Rosen. Augen, zwei Abgründe, siehst du hinunter klopft dein Herz, schnell, unregelmäßig, dass du vermutest deine Seele wurde dem Druck nicht stand halten und in tausende Teile zerbersten. Sie wird dich hören. Der Laut besitzt die Kraft Lawinen in Gang zu setzen, Opfer darzubringen – auf eisernen Tafeln – und Leben zu nehmen, wo lediglich ein zarter Halm aus der kalten Erde spross. Schaut man sie an, scheint sie zu lächeln, ganz sanft, dass es ebenso als Illusion gewertet werden kann.

Sie schmeichelt dir, verdreht dein Denken, raubt dir Intelligenz sowie die Kraft klar zu sehen im Nebel des Geschehens. Ihre zarten Fingerspitzen schließen dich in eine honigsüße Umarmung, die einen bitteren Nachgeschmack auf der Zunge hinterlässt, ein verschwindender Gruß. Die Stimme, die dir hoffnungsvoll die Zukunft verheißt gehört ihr. Du vernimmst sie in Träumen, die den Tag bescheinen, die dich locken, dich über die Schwelle zu ziehen versuchen. Schläfst du oder wachst du?

Sie ist ein Wunsch der Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Lass sie Wahrheit werden, mehr als Schein der das Sein schmackhaft macht. Öffne Fenster und Türen, entriegle Tore die Gefühl verschlossen hielten. Nehme ihnen die Ketten ab, biete ihnen Wasser und Wein. Lade ein zum Mahl in deinen Hallen, lass sie tanzen, singen, höre ihr Lachen im Saal widerklingen, eine zärtliche Melodei. Sie selbst wiegt sich in deinen Armen im stillen Tanz, ohne Besitzansprüche zu stellen verlange nach ihr, ohne süchtig zu werden nach dem Geschmack ihrer Lippen.

Sie ist

Eine Ballerina die auf luftigen Höhen die Welt erobert, immer im Begriff sofort wieder hinter einem Vorhang zu verschwinden. Eine Kerze, flackerndes Licht, vom Erlöschen bedroht und doch stetig. Seh’ nicht zu lang hinein, du wirst geblendet. Eine Welle überspült dich, fühlst dich erschlagen von der Wucht deines Fühlens, war es dir nicht bewusst, das Gedicht, das dein Inneres erhellt. Sprich leise die Silben nach, forme sie zu Versen die dich immer wieder an die schöne Betrachterin erinnern. Fühle ihr Haar zwischen deinen Händen, streiche ihr sacht über die Wangen im Begriff dich zu verabschieden.

Schenke ihr einen letzen Blick, zärtlich und verglommen, lösche die Kerze, würde ihr Schein dich sonst des Schlafes berauben. Gebe das Versprechen sie am nächsten Tag erneut zu entzünden, erneut verzückt den Tanz der Glückseeligkeit zu betrachten. Feire bis in den Tod. Verführe sie, leite sie auf von dir bestimme Wege, Hand in Hand   stürzen wir und gemeinsam in die Wogen, in der Hoffnung zu überleben.

1 Kommentar 1.11.10 16:09, kommentieren

Urteil

Urteil

 

Deine Schritte auf dem harten Asphalt, dein Atem, der in sich verflüchtigenden Wolken an dir vorüberschwebt, er kommt von dir, und nicht von dir. Du bist Teil des Verarbeitungsprozesses, der viel und wenig Zeit beansprucht, gemessen an lang und kurz. Rauch steigt aus den Schornsteinen der Häuser die, jeder für sich existieren. Nebeneinander allein, sie sind erst eins, fängt man an jene zu betrachten, die ihnen innewohnen. Für sie alle hat der von ihnen benannte „Tag“ mit der Sonne zu beginnen, die „Nacht“ mit dem Mond. Lausche auf Donner, der keiner ist, nie einer sein wird. Am Himmel Wolken, die nicht sind, lachen, ungehört. Im Augenblick bist du gefangen, wagst es nicht über die unsichtbare Grenze zu treten, die Moment und Realität trennt. Verweile noch ein wenig, höre auf zerstörte Stille, versehentlich zerbrochen, Schuld, die niemanden trifft, und alle. Dumpfes Echo, Schuhe, die auf Grund und Boden treffen. Sie sammeln sich, wachsen, ein andauernder Ton, einer verstummt, von zwei neuen ersetzt. Leise Note, die sich in Sprache wandelt, mutiert in Laute, beendet als unendlicher Faktor, der ebenso gut störend, wie angenehm sein kann. Beschrieben wurde Weg, Ankommen, geendet mit dem Sein, Dasein. Du sitzt, gestoßen in Raum und Zeit in mitten der Worte, die dich berieseln manches Mal, dich stören, ein anderes. Der Schmerz in deinem Kopf wächst, du fühlst dich an den Marterpfahl genagelt, unter der Beigabe rostiger Nägel. Ein Fragezeichen auf die Stirn tätowiert, umgeben von Anhängern einer unbekannten Religion. Vermutlich sind sie sich der Opfergaben nicht bewusst, die der Huldigung des Gottes dienen. Er ist unter uns, verborgen hinter einer Rüstung, die in der Sonne funkelt, im Schatten jedoch an Wert verliert. Er zeigt meist ein lächelndes Gesicht, sein wahres Ich bleibt hinter dem Helm aus schwarzem Stahl. Selbst seine Augen sind verdeckt, ein blechernes Scharnier, ungeöffnet, auf ewig verschlossen. Du bist der Ketzer, eingedrungen in Tun und Tempel, hast umgestoßen Bänke, Altar und die Götter verflucht. Deine Abscheu? Wohl zu Genüge offen dargestellt, an riesige Plakatwände geschrieben und allerorts verteilt, aber sie starren geradeaus, durch dich hindurch. Wie soll man auf ungesehenes, ungehörtes reagieren? Wie kann es möglich sein, still zu schreien? Und du bist nicht allein, nein, dir folgen Gläubige, die deiner Sekte angehören. Aber sind wir nicht auch taub und blind gegen die Stimmen der anderen? Haben wir je versucht, ihnen zu lauschen? Nie! Wir klammern uns an ihre Falschheit, an unser Wissen, ob ihrer Fehler! Ohne Augenlicht erblicken wir Makel in anderen, ohne Gehör nehmen wir ihre Sprache wahr. Aber wer will Klagen, wenn er selbst auf der Anklagebank zu sitzen hätte? Kann sich jemand zum Richter aufschwingen, wenn Tod und Teufel für schuldig erklärt, Leben und sterben dem Saal verwiesen, das Universum eng an eng in den Zuschauerreihen hockt? Der Staatsanwalt, die Ozeane, Verteidiger bilden Erde, Gestein. Nur der Oberste ist nicht auffindbar, verschollen im Packeis der Verantwortung, erfroren in Kälte und Last, die Rechtspruch mit sich zu bringen wagt, hineingezogen in Treibsand, den er betrat, auf seinem Weg in den Gerichtssaal, der sich unerreichbar versperrt, von Hass, Liebe, Zuneigung belagert, aus der Leere erhebt. Gefühle schaffen Mauern, ebenso wie sie die Macht besitzen, diese wieder einzureißen. Können Waffen sein, Schwerter, Schilde mit Pfeil und Bogen ergänzt, ein Katapult, dass Seelensteine schleudert. Eine Armee, die töten ebenso beherrscht, wie die Kunst, Leben zu schaffen. Wer bist du? Zuschauer, Kläger, gehörst du zu den Geschworenen, die Fledermäuse gleich, kopfüber die blank geputzten Stühle besetzen? Wir sind alles, wir richten, klagen an, verteidigen, und glauben zu allem Überfluss auch noch, über all dies entscheiden zu können. So lass ihn uns nun gemeinsam betreten, den Hort der Paragraphen, Friedhof der ungeschriebenen Gesetze. Nimm Platz an meiner Seite, ohne, dass die Bedeutung mitspielt, welche Rolle wir übernahmen. Lass und Tränen lachen, weinend applaudieren und sein wie die anderen. Erheben wir uns, ist der Entschluss gefasst, strömen hinaus, einer, zwei, viele. Verabschieden wir uns mit einem knappen Kopfnicken höflich von Leben, Tod, Teufel und gehen unsere Wege  Wie alle, wie immer.

29.10.10 23:33, kommentieren

Regen - Gleich Wie Wir

Regen – Gleich Wie Wir

 

Du bist, ein Tropfen, ein schillerndes Gebilde, von anderen beleuchtet. Eine Perle aus Kristall, ein winziges Wunder. Dein Inneres liegt dir auf der Zunge, trage dein Herz in offenen Händen, von jedem gesehen, von allen berührt. Ein Trank, gewürzt mit Leben, ein Meer der Stille. Du bist, einzigartig, unter Millionen die dir gleichen. Man sieht dich, umgeben von Brüdern, man sieht euch. Ihr seid, eine Masse, eine Armee, in der ein einzelner wertlos erscheint. Ein Nichts der Einzahl, das erst vervielfacht an Bedeutung gewinnt. Wie willst du je aus der Menge heraustreten, wenn einheitliche Kleidung die Vorschrift darstellt? Es ist, ein Schwimmen mit dem Strom, ein unwiderstehlicher Drang, der keine Ausweichmöglichkeiten darstellt. Steht gemeinsam in gleichen Reihen, seht gemeinsam wässrig aus, sprecht gemeinsam vorgegebene Worte, aufgereiht in einer langen Liste. Wie kann Man sich in einer vorgegebenen Gesellschaft aus der Menge hervorheben? Wie kann Man anders sein, wenn dies bedeutet nicht dazuzugehören, ein Aussätziger, hingeworfen vor die Mauern der Stadt, die dir keinen Einlass mehr gewähren wird. Wir schenken der Hülle zu viel Bedeutung, widmen ihr Zeit, die unnötig erscheint, beginnen wir darüber nachzusinnen. Aber Wenn unsere Hülle unansehnlich ist, glaubt man dann, dem Kern große Beachtung schenken zu müssen? Sieht man uns, wenn wir übersehend dargestellt im Staub stehen? Wenn wir bloß im Kern vor ihnen stehen, die Hülle zerrissen? Sieht man einen Schmetterling, dem wir die Farben nahmen? Nein! Er würde jämmerlich verenden, lebt er von sehnsüchtigen Blicken, von Neid und den Träumen, die seinen schillernden Flügeln entsprangen. Sperr Vögel in Käfige, raube ihnen die Kraft zu fliegen, ihre Einmaligkeit, ihre Freiheit. Raube uns Individualität, das Mensch sein. Lass und Ebenbild sein, jeder das der anderen. Ein Portrait würde genügen, um uns alle darzustellen. Gleiche Meinung, gleiches Streben. Gut ist gut, schlecht, schlecht. Wir wollen glücklich sein, das einigt uns. Bewiesen so, die Theorie der Einheit.

 

Für diese Welt

für das System

für den Regen

der als Modell der Menscheit gillt

28.10.10 19:30, kommentieren

Künstler

 

Künstler

Sei ein Maler,

Sei Erschaffer.

Fühle die Farben, die dich umgeben, fühle dich verpflichtet sie der Welt zu präsentieren, spür sie in der Kehle, im Drang aussprechen zu müssen, was du in ihnen siehst. Beschreibe einzelne Facetten, Unebenheiten in deinen Worten, gib jeder Spalte, allen noch so feinen Rundungen einen Namen, der uns Tränen in die Augen treten lässt. Pinselstriche, mit der Morgenröte überzogen, zart getaucht in blau und grau. Die Sonne tritt, einen Kämpfer gleich, in den Ring des Himmelns, dem Netz aus Spinnenweben ausweichend, den du ihr in der Hoffnung entgegengeworfen hast, sie fangen zu können. Doch die Sonne ist schlau, intelligenter als du zu ahnen wagtest. Immer näher kommend bemühst du dich verzweifelt, sie zu skizzieren. Ihr Auftritt in grellen Farben beschrieben, das Rosa der Blüten, lila des Mooses, das sich zu färben weiß, nach Wunsch und Verlangen. Bald ist sie da, ihr Haupt erscheint wie schüchtern am Horizont. Der Läufer zu ihren lodernden Füßen in orange, blass blau. Als Zuschauer, hart gezeichnete Wolken, man glaubt sich auf ihnen niederlassen zu können, gebieterisch herrschend über den weißen Ozean. Ein gigantischer Thron, für Engel bestimmt. Im Geiste siehst du sie tanzen, strahlen. Im weichen Flaum versinken, ihr lachen schallt echogleich durch das Land ohne Konsistenz, Ebene der nebligen Träume. Hier oben herrschen neue, andere Gesetze als bei uns, die wir am Boden festgeklammert, Angst haben wegfliegen zu können. Alles ist möglich aus ehrlichem Wunsch, forme deine Welt nach deinen Vorstellungen, erfinde die Norm, der wir Form und Gestalt aufzwängten, neu. Seh’ Leben, wo nie eines war. Baue Schlösser auf Sand und fertige Speisen aus Stein. Lass los, gleite auf einer Bahn, gewebt aus Fantasie, flüchte vor alptraumartigen Schatten, verberge dein Antlitz hinter einem Geheimnis und gestalte dein Haus aus Vergangenheit und Zukunft. Der Pinsel schweigt, erzittert in unterdrückter Spannung, beharrlich auf den Beginn wartend, der ihm erlauben würde sein Werk zu vollenden. Sie flüstern, wispern, in hohen, schrillen Stimmen Worte, die sich ähneln, gleich sind, immer wieder, ein Mantra, nicht mehr. Eine beschwörende Formel:

Sei ein Maler,

Sei Erschaffer.

2 Kommentare 27.10.10 15:41, kommentieren

Stimme der Nacht

Stimme der Nacht

 

Der Geschmack, der der Nacht entströmte zerging ihr auf der Zunge wie flüssiges Eis, das sich heraus aus seiner Welt die aus Frost und Kälte besteht, dazu herablässt uns Untertan zu sein. Der Gedanke an Wälder rief er hervor, Nebel, der sich tänzelnd zwischen den Bäumen hin und herwiegt, auf der Suche nach einem passablen Spielgefährten, der die Ausdauer besaß mitzuhalten, mit seiner Schläue und Schnelligkeit. Die Dunkelheit kroch, sich langsam ihre Wege bahnend näher, einer scheckigen Schlange gleich, auf der Suche nach einem abendlichen Mahl. Der Mond, eine feine Sichel, ein Dolch, der bereit war jeden zu vernichten, der es wagen sollte seine Vollkommenheit anzuzweifeln. Ein wissender Ausdruck beherrschte seine großen, gütigen Augen, wissend, ob seiner Macht die Schwärze zwischen den Blättern zu vertreiben, die sich ängstlich aneinanderkauerten und die dünnen Ärmchen eng um die zerknitterten Leiber schlangen, die sich im Endstadium des Dasein befanden, rot und braun schimmernd. Das Gras war von einer dünnen Eisschicht überzogen, ein Mantel der den Gefriertod versprach. Mit kühlem Fell gefüttert, die Oberfläche, Leder aus gefrorenem, gläsernen Wasser, dass von feinen Spiralen durchzogen nicht lange wärmen würde. In Trance, das Leben, welches eine Auszeit nahm, erschöpft von Frühling, Sommer, Herbst. Müde geworden, zu oft war es gescheitert an Aufgaben, die das Schicksal stellte. Aber doch trat es weiter die Wege, die sich immer verschlungener über Dörfer und Felder zogen. Zu sehr liebte es diese Welt, zu viel Vertrauen gefasst hatte es zu all denen, die sie bewohnten. Trauer hatte sich in dessen Wange gegraben, doch Lippen und Blick sahen zärtlich über alles hinweg. Duldete das Leben beinahe jede Tat, ob gut, ob schlecht. Es ist unsterblich, gefangen im Kreislauf. Ein Phönix, der in seiner eigenen Asche wiedergeboren aufersteht. Lass es nicht zürnen, gegen dein Tun, besänftige es mit stillem Lachen, lass es applaudieren unter Erfolg und Gewinn. Und leg dich zu ihm, wenn die Sonne untergeht, die Jahreszeiten beendend vorüberziehen und deine Seele erschöpft zusammensinkt. Schmecke ein letztes Mal das Eis auf der Zunge, zerlaufend, die Stimme der Nacht.

 

Unter Mitarbeit von Fini

trotz der genervten Blicke immer zum Nachdenken bereit

Danke dafür

Die nächste Englisch-Stunde

wird stiller verlaufen

 

26.10.10 15:35, kommentieren

Casino

Casino

 

„Spiel kein Spiel mit mir!“  leise tröpfelte der Ausruf von den kalten Backsteinwänden. „Lass mich zufrieden, verschwinde!“ ein kurzes Schluchzen, Stille. Sie hatte sie eng gegen die Wand gepresst, die Hände neben sich drückten mit Gewalt gegen die Mauer, wollten zerstören, niederreißen und fortlaufen, für immer, wie immer. Doch sie war zu schwach. Das Fenster, einige Meter hoch oben angebracht, mit zentimeterdicken Eisenstäben versehen, zu weit entfernt, als das sie sie hätte erreichen können. Der Boden war mit Staub bedeckt, ein Gruß vergangener Jahrhunderte. Ein Raum ohne Tür. Stattdessen eine Tafel, die in tiefem olivgrün ölig glänzte. Über ihr, in dünnen Messinglettern die Inschrift „Spielregeln“. Doch sie kannte die Weisung nicht, die diesen Ort bestimmte, hatte sie nie gekannt. So oft das Schicksal sie in ketten legte, betteln und flehen ließ, hatte sie niemals eine Antwort gefunden. Das Licht, das zwischen den Gittern hindurchblinzelte, blanker Hohn, das Lachen von draußen, schmerzhafte Stiche. Kleine, spitze Messer, die ihr die Handlanger des Kerkerbesitzers in die Rippen bohrten. Aber war es nur Wehklagen, das die Dolche hervorriefen? Nein, es war gut, in nahezu masochistischer Art und Weise verdeutlichte der Schmerz ihr Leben.

 

Lasst euch nicht täuschen

von der plötzlichen Kälte

die dem Schreiben nachklingt

 

Nichts als ein Gedanke

der aus Furcht nicht zu Ende gedacht wurde

so erklärt

das viel zu schnell angebrochene 

Ende

26.10.10 14:35, kommentieren

Schweigende Berufung

Schweigende Berufung

 

Du stehst inmitten der wirbelnden Masse, im lauten Stimmengewirr. Das Auge des Sturms, dessen Hohlraum dich schweigen lässt. Ruhe beherrscht dich, eine Ruhe, die nicht leer ist, sondern voller Leben. Du bist die Sonne, um die die Planeten kreisen, das Nichts im Meer der Teilchen. Manches Wort, fragend an dich gerichtet, wird überhört, auf ewig vom schwarzen Loch verschlungen, ein Flug in die Ewigkeit des Unterbewusstseins. Der hungrige Abgrund verschluckt alles, nicht soll in der Lage sein dich zu erreichen. Deine Hände streichen sanft über die Bögen leeres Papier, dass sich in der Hoffnung vor dir zu Boden warf, bloß gelassen zu werden. Bloß und rein. Zu spät, verloren, ein Bleistiftstrich verunreinigt das weiße Eis aus stillem Stahl. Doch du bist dir keiner Schuld bewusst, deine Absichten – bisher undenkbar in den Staub geschrieben – offenbaren sich in Wort und Tat. Du warst gekommen, um Leben zu schaffen, verkleidet in graues Gewand. Die Gesichter bleich, du schreibst Gefühl hinein, ohne Ausdruck, du vergibst Bewegung und Klang. Malst in fließenden Schritten Stimmung, ob lachen oder weinen. Ein Stauen in den Wimpern hängen, misstrauen um den schmalen Hals geschlungen, einer Kette silbriger Perlen gleich. Fertige Geschichten, für jeden Strich eine, alles hat sein Leben. Oder du lässt sie berichten, von tiefer Tintenschwärze, blanken Seiten. Schreibe nieder aus ihrem Wort und Werk, lausche auf heisere Stimmen, die dich erschaudern lassen, in Euphorie versetzen und dir einen wohligen Schreck den Rücken hinunterjagen. Du wirst versetzt an Orte, die dir fremd erscheinen, falscher Ton, eine unbekannte Melodie. Dringst ein in Welten, die nicht die deinen sind. Zieh dich zurück aus den Erinnerungen anderer, die nicht deinem Besitz angehören! Du dienst lediglich als Überbringer, als Medium für unsere Zeichen der Verständigung. Woher Ideen stammen ist unklar. Sie überfallen dich, reißen aus dem Sein. Zerren dich brutal zu Stift und Zettel, haben sie zu sprechen geplant. Nach vollbrachter Tat lehnst du dich erschöpft zurück, ausgelaugt von der Gabe, die dich in fremden Zungen sprechen lässt. Blicke scheinen nach ihnen greifen zu wollen, den Leben der Unbelebten, denen du zu denken und fühlen verholfen hast. Schließe sie in Eisen ein, ein Diamantschloss hänge davor, werfe den Schlüssel ins Feuer und sieh ihm still und heimlich beim verenden zu. Das Werk getan, zurück bleibt lediglich die freudige Furcht nochmaliger Berufung. Schließe die Augen, sinke in tiefen Schlaf, einige Blätter neben dir liegend, bedeckt mit kleinen, feinen Gebilden, ebenso in Schlummer gefallen, bereit, jederzeit aufzuspringen und dir die Erzählung zu unterbreiten, die ihnen innewohnt. Lies mit Bedacht, jedes Wort analysierend. Zeit ist Freund und Feind, lass dich nicht betrügen. Gedanken verweilen zu gern im Augenblick, still, in mitten der wirbelnden Masse.

 

 

 

25.10.10 18:33, kommentieren

Der Kostümball

Der Kostümball

 

Sie stand vor einem kleinen Laden, der, so unscheinbar er neben den anderen – weitaus größeren – wirkte, von innen heraus zu strahlen schien. In goldenen Schriftzügen war der Name des Geschäftes auf das gläserne Schaufenster tätowiert, hinter denen in langen Reihen die Ware bereitstand. Mit leichten, vorsichtig auftretenden Schritten ging sie zögern darauf zu und öffnete die ebenholzfarbene Tür. An der Decke war ein Glockenspiel angebracht, das nun dem Besitzer vom Eintreten des neuen Gastes kundzutun versuchte. Vergeblich schlug es seine klingenden Töne an, rief mit der hellsten Stimme. Niemand kam. Schweigend diskutierten Kopf und Herz über bleiben und stillschweigend verschwinden, nie dagewesen sein. Das Herz siegte, sie blieb. Unbefangen musterte sie die Kleider, die von marmorfarbenen Statuen auf Position gehalten wurden. Zärtlich strichen ihre Finger über Samt und Seide, auf der Suche nach.. ja, wonach eigentlich? Nach dem, was passte, nach dem was Gedanken widerspiegelte und nach dem, was sie zum Lächeln zu bringen vermochte. Nach der Wahrheit gehüllt in Stoffbahnen. Sie trat vorbei an schwarzen Truhen, die vollkommen überfüllt mir Dingen protzte, denen sie nicht einen Wimpernschlag schenke, an Schränken, deren Inhalt bei ihrem Anblick jubilierte und jauchzend in die Hände klatschte, in dem Wunsch ihr zu gefallen. Kein Blick streifte sie, blind für alles und doch sehender als jeder schaute sie vorbei, bis sie hängen blieb. Ein Kleiderbügel hielt das Tuch aus schwarzem, stumpf glänzendem Stoff, der dick und schwer über dem eigentlichen Schatz hing. Als wollte er die Trennung verhindern klammerte er sich mit jeder Faser an seinem Schützling fest. Eine Erinnerung, die nicht verloren gehen wollte. Sie legte ihn achtlos beiseite. Ihre Augen waren gefangen auf das Kunstwerk gerichtet, dass schüchtern den Kopf senkte, kaum dass ihre Blicke sich trafen. Der Kragen war aus Sternenstaub, vom Marienkäfer eigens auf Flügeln getragen, unendliche Weiten, die sich in ihm zu spiegeln vermochten. Die Manschettenknöpfe murmelförmige Brillianten, ein noch nicht verschenktes Lächeln. Der Anzug war von der Königin gewebt, die Sonne hatte winzige Funken ihres lodernden Lachens hinzugefügt, vermischt mit dem Gedanken an einen kalten Wintertag, schneebedeckte Dächer im Wind. Die Hose war aus zweierlei, Weisheit und Wissen, ein noch nicht entdecktes Geheimnis, das sehnsüchtig darauf wartete, anprobiert und für gut befunden zu werden. Die Schuhe hatten eine feste, kräftige Sohle, geschmiedet aus Stolz, Trotz und dem Drang, sich zu beweisen, auf den langen, verschlungenen Pfaden, die das Leben uns unter einer silbernen Haube serviert. Schwarzer Lack bedeckte sein Antlitz, eine Haut, die alles an sich abperln lassen konnte, ohne Schaden zu nehmen. Nur etwas fehlte. Der Träger, Zusammenschluss aus Liebe und Hass, die vermengt einen Tropen Unsterblichkeit, das Elixier des Lebens ergeben, das unsereins erst liebeswert macht. Zärtlichkeit ins Haar gesponnen, Geduld in die großen, schmalen Hände, Vertrauen in seine Augen, die jene, die es wagten hineinzusehen entführten in Märchen ohne Wiederkehr, in eine unendliche Geschichte. Und sie verstand. Der Verkäufer hatte nicht kommen können, er war allzeit anwesend gewesen, verborgen hinter Tüll und Saum. Das Kostüm wählte den Träger. Nach Augen, Haar, Hand, Herz. Zwinge niemals eine Maske unter deine Herrschaft. Sie könnte sich besinnen und fortlaufen, in dem Moment, da du am meisten auf die angewiesen bist. Lass uns gehen. Besitzen wir beide unsere Umhänge aus leblosem Glas, unter denen wir manchen, seltenen Blick gewähren. Die Tür schließt sich, das Glockenspiel verstummt in seufzender Resignation. Und wir rennen gemeinsam die Straße hinab, gehüllt in einen Mantel flüssiger Illusion.

25.10.10 17:25, kommentieren

Freakshow

Freakshow

 

 Die Tür war mit einem güldenen, glitzernden Stern beschlagen, der das Licht tausendfach in winzigen Facetten gegen die Wände des engen Flurs zurückwarf. Die Räumlichkeiten in denen die Besten sich aufzuhalten pflegen, legten auf besondere Markierung wert. Der ihre war ein Stern. Ein Stern, wie jene, die Schauspieler so gern vor ihren Umkleideräumen aufhängen, ein Schild, mit der Aufschrift „Vorsicht, bissig“. Auch sie zählte sich zu einen von ihnen, obgleich ihre Werke nicht der Masse aus Medien zuteil wurden. Sie tätigte ihre Kunst in der stillen Grausamkeit des Privaten. Ihre Haut war Porzellan, die Lippen mit blutroter Farbe bestrichen, die Augen strahlende Pinselstriche, die von langen Wimpern umrahmt gleichgültig in die riesigen Spiegel starrten, die das Zimmer von allen Seiten säumten. Ihre Wangen schimmerten in einem zarten rosé, ihre fein geschwungene Nasenspitze bildete die Sahnehaube der Raffinesse, mit der sie als Künstler ihr eigenes Ich schuf. Ein Bild, das jeder bestaunen konnte, ein Selbstportrait, dass alle eines Blickes zu würdigen wussten. Jeder Wimpernschlag geplant, das kleinste Lächeln zuvor eingehend skizziert. Das Haar, einer Perücke gleich, viel ihr in langen Wellen über die schmalen Schultern, die zu zart für die Perfektion ihres Gesichtes schien. Doch plötzlich neigt sich ihr Kopf, die Augen zerlaufen unter einer Tränenflut, die Lippen zerfallen in einzelne, sich auflösende Teile und das rosé schwindet mit dem Wunsch der einmaligen Schönheit, die Masken schenken und nehmen, wie sie kommen und gehen. Tränen sind ehrlich, lassen die Lüge hinter einem Gesicht zum Vorschein treten, enthüllen den lüsternen, gierigen Ausdruck in unseren Blicken, verstecken nicht länger Hass und Neid, der in unseren Mundwinkeln nachzulesen ist. Das schöne Bild bricht unter dem Gewicht der Wahrheit und enthüllt unser aller Selbst. Das von Hohn triefende Kichern, das sich hinter einer tröstenden Umarmung verbarg, schallendes Lachen gleich einem zärtlichen Blick. Buchstaben werden ausgetauscht, Wörter wechseln die Position. Der Sinn verschwindet, um dem Menschen Platz zu machen, in einem Leben, das einer Opernbühne gleicht. Tage sind Lieder mit verzerrter Stimme vorgetragen, in dem Wissen, dass keiner es bemerken wird, sie später in ihrer Tat von Schönheit sprechen werden, von Musik, wo nie eine sein sollte. Das Stück ist aus, verlässt den Tag, geht in Wochen über, wandelt euch in Jahre. Es ändert sich, bloß die Tonlage bleibt die gleiche. Willkommen, willkommen! Kauft Puppenkostüme in Farb’ und Form für euch bestimmt, wir laden zum heutigen Theater ein. Mit zweien werden Plätze in der Loge ergattern, drei haben einen Platz auf der Bühne verdient. Mit vieren bist du der Hautdarsteller des heutigen Abends. Wird es Lustspiel, Komödie oder Drama sein? Lassen Sie sich überraschen! Kommen Sie nähe, der Star ist bereit! Verborgen hinter einer Tür, mit einem einzelnen, güldenen Stern geziert.

 

Für uns

wandeln wir Tage in Wochen

Monate in Jahre

Nimm meine Hand, lass uns gemeinsam auf die Bühne treten

Ich schenke dir dir ein Kostüm

von Hand gefertigt

wird es dir gefallen?

1 Kommentar 24.10.10 09:49, kommentieren

Flügellose Fabel

Flügellose Fabel

 

Das Blut floss in dünnen Rinnsälen auf den bewachsenen Boden und verschwand beinahe Augenblicklich zwischen den sich steil der Sonne zugewandten Grashalmen. Die Vögel jubilierten schamlos weiter im Angesicht des Grauens, dass sich vor ihnen zu verbergen suchte. Ihre kleinen, flinken Augen huschten nur kurz über die am Boden kauernde Gestalt ehe sie anderen – weitaus wichtigeren – Aufgaben ihr Interesse schenkten. Der Mond entblößte die spitzen Zähne, als er ein lautloses Lachen über den Himmel grollen ließ, der wie im Donner erzitterte. Die Sterne duckten sich unter den angedrohten Schlägen, wagten es nicht sich gegen den blassgrauen Diktator zu erheben, der sie erwartungsvoll aus den Augenwinkeln beäugte. Bereit, jederzeit einen von ihnen aus den Reihen zu entfernen und mit einem winzigen Windhauch in die Endlosigkeit zu befördern. Die Blätter der Bäume, die Jahrzehnte kommen und gehen gesehen hatten und nun alt und abgestumpft ihr Dasein fristeten, flüsterten ihr liebevolle, beruhigende Worte zu, die nicht helfen konnten, so sehr sie sich auf in ihre Richtung zu strecken bemühten. Einer von ihnen hatte einen Schritt zu viel getan, hatte sich zu weit nach vorne gebeugt. Wimmernd löste er sich von seinem Erschaffer und landete Schluchzend neben ihr im Gras. Kaum hatten seine feinen Fühler die Erde berührt erlosch auch schon jede Empfindung, jeder Gedanke an das Leben, dass es geführt hatte, zuvor. Die Kerze des Blattes brannte aus, war noch ein Mal aufgefahren, ein letzter Gruß, der dem Tod die Arme entgegenstreckte, ein bleiches Lächeln auf den Lippen. Seine Brüder starrten ihm in melancholischer Bedachtheit nach, im Wissen selbst einmal unterzugehen. Eine erleichternde Freude verbreitend, dankbar, für die Zeit, die noch blieb. Es fing zu regnen an, tränkte Wald und Flur mit Leben, schuf eine dünne Wand gegen Schaulustige und unterband jeden Versuch eines Blickes auf wenige Meter. Er wusch ihr das Blut vom Körper, die Tränen aus dem Gesicht. Sie, das Fleisch gewordene Märchen, das nicht akzeptiert hatte werden können. Das man einst besonders nannte, nun auf eine Stufe stellte mit den untersten derer, die zu leben verdient hatte. Mit großen Augen hatte sie sie angesehen, groß, unwissend und unendlich traurig, hatte sie das Warum nicht erfassen können. Doch wer begreift schon immer den Grund einer Tat? Nichtsahnend hatten sie die Reinheit eines Wesens zerstört, dass nicht zum Wandeln auf dieser Welt geschaffen war. Sie hatten ihre Seele mit Blut befleckt und ihr die Definition „Leid“ auf ewig ins pochende Herz geritzt. Hinausgerissen und mit Füßen getreten hatten sie ihren Glauben an das Gute, das vorherrschend gewesen war, verlacht. Nun saß sie da, starr vor Furcht, blankes Entsetzen in die Winkel ihrer glasklaren Augen gezeichnet. Sie trug ein Kleid, das einst schön gewesen war, nun aber lediglich noch dazu diente ihr wenigstens die Unschuld zu belassen. In dünnen Fetzen hing es an ihr herab, unsicher in die Gedanken verstrickt die ihm eingeflößt wurden. Ein Klagelaut entfloh ihrer heiseren Kehle. Ein Lied, dass uns taub gemacht hätte, zu viel Wahrheit hätte ihm innegewohnt. Alle  Intensität legte sie in Buchstaben, die Worte formend durch die Wipfel fegten, ein Vorwurf der verzieh, fest an die Gewissheit geklammert, noch ein letztes Mal sprechen zu dürfen. Es verstummten die Vögel, der Mond blickte beschämt zu Boden, die Sterne schrien gequält auf und die Blätter weinten, während sie ihr zusahen, beim Weg, der durch Hoffnung geebnet wurde. Ein Stück, ihr zu Ehren aufgeführt. Ihr, die es nicht mehr bemerkte. Glasig blickte sie ins Nichts, kein Leid würde mehr in ihre Schläfen vordringen, Hass nicht mehr ihre Haut zu Grunde richten. Sie hatten sie getötet, geschändet und dahingerafft. Das Fabelwesen, die Elfe, der man die Flügel genommen hatte. Abgetrennt mithilfe von zwei blanken, im Licht aufblitzenden Messern. Sie hatten ihr nicht glauben wollen, dass sie ihre Seele darstellten. Ihre Freiheit, ihren Sinn in Märchen. Die Perfektion, die alleine wertlos war. Zu spät, alles verloren. Tot war sie, tot! Ermordet, vernichtet, wie wir sie alle vernichten werden. Diejenigen, die uns einst in den Schlaf sangen, verkleidet in Geschichten, unendliche Geschichten, die wir in unseren Träumen weiterwebten und neue Farben und Formen verliehen. Ausgelöscht war sie worden, von unseren Händen, unseren Blicken. Die mit Vollkommenheit gesegnete Elfe, der wir das Wunder genommen hatten.

 

 

Für all die vergessenen Märchen,

die einst von unserer Liebe am Leben gehalten

und unbedacht in den Staub geworfen wurden

kaum, dass wir dachten

erwachsen zu sein.

 

Und für Thorsten,

weil er sie liebt und versteht

und weil er las, was ich schrieb

mit Herz, Verstand.

21.10.10 10:02, kommentieren

Der Joker

Der Joker

 

Bunte Blätter flatterten um seinen geschmückten Körper, als er tänzelnd auf die kleine Bühne sprang. Durch die wartende Menge fuhr ein Raunen, ein sofort wieder verstummendes Wispern. Auf seinen Lippen lag ein selbstsicheres Lächeln, dass von der weiß-schwarzen Farbe verborgen, ungesehen blieb. Seine Augen waren weiß umrahmt, von einer kleinen blauen Träne geziert. Der Mund war bildhaft zu einer traurigen Grimasse verbogen, gezeichnet von hellen Tupfen. Er steckte in einem Kostüm, dass viele Nummern zu groß gemacht worden war. Unsicher hing es an ihm herab und bildete einen schmerzhaften Kontrast zu seinem Träger. Grell fuhr einem das Rot, Gelb und Grün zwischen die Lider, die man im ersten Augenblick überrascht zusammenpresste, doch schnell wieder aufschlug, in ungeduldiger Erwartung auf das Geschehen harrend. Seine Hände steckten in fleckigen Handschuhen, die er, nun da die Zuschauer sie entdeckt hatten ebenfalls empört betrachtete und sich suchend nach einem Schuldigen hin und her drehte. Einigen legte sich das erste Lächeln auf die Lippen, Kindern, Hausfrauen und Händlern, die vorübergehend ihre Stände schlossen, um teilhaben zu können. Die Kleinsten waren zu Anfang erstaunt zurückgewichen, Furcht in den blassen, schmalen Zügen, vor diesem Fremden, der einer anderen Dimension entflohen war und nun in Sprachen zu sprechen schien, die niemand beherrschte, aber alle zu hören gehofft hatten. Die Sprache der Harlekine. Doch dieser war anders. Er bezog sich auf jede Bewegung, legte in jede Silbe einen betonenden Akzent. Ja, anders, anders als die Übrigen traurigen, vor lachen weinenden Clowns, die den Marktplatz täglich aufsuchten und mit überzogenen Gesten ein Lachen forderten. Dieser schien um die Freude des Einzelnen bemüht, wirkte als wäre er mir der Geschichte alle vertraut und wüsste zu jeder eine Melodie. Die Glocken, die an seinen himmelblauen Schuhen befestigt worden waren, begleiteten jeden Schritt mit ihrem eigenen, klingenden Applaus und der Hut, den er sich in die Stirn geschoben hatte, rutschte zu jedem aufeinandertreffen der metallenen Instrumente ein Stück weiter hinab, bis er beinahe seine Augen bedeckte und die fein geschwungene Nasenspitze berührte. Niemand konnte ahnen, wer er war, niemand würde je danach fragen. Der Mensch hinter der Maske war gleichgültig im Angesicht des Schauspiels, dessen Hauptdarsteller er war. Keiner würde nach seinem Namen fragen. Ihm würde es nicht missfallen, liebte er doch die Rolle, die es ihm erlaubt jeder zu sein und alles zu dürfen. Mit leisem, unhörbaren Spott bedachten seine Blicke die Masse, die sich immer dichter um ihn drängte. Sein Tanz war gleich, ebenso wie die Worte, die er ihnen in die gierigen Hände warf. Sein Auftreten war Beweis genug, sie wussten, wie sie zu handeln hatten. Eine genauere Vorgabe, als einen Clown konnte man ihnen nicht liefern. Waren sie sich doch nur so sicher, lachend das Richtige zu tun. Aber war es wirklich ein Clown, der ihnen vor die Leiber hintrat, oder war es der Unbekannte in beliebtem Kostüm? Ein Künstler, dessen Herz und Seele sich dem verschlossen und verbarrikadierten, hinter einem schiefen Grinsen, das besagtes Kostüm nur als Mittel zum Zweck erklärte. Ein Giftgemisch, gebraut um sie erblinden zu lassen, um sie weniger sehend zu machen als zuvor. Oder um es derart hervorzuheben, dass sie ihn bemerkten, den Schleier, der sich nebelgleich um ihre Netzhaut wand, jeden Blick sofort zu verhindern wusste. Wer ist schon in der Lage die Denkweise eines solchen zu erfassen? Wohl keiner. Tag für Tag, Monate, die sich in Jahre wandeln, immer der Aufgabe bewusst, wissen schaffen zu müssen, zieht er durchs Land. Der mit einer Träne bemalte Harlekin, der verhinderte Clown, der Joker.

 

 

Für den Joker,

weil ich glaubte seinen wahren Namen gefunden zu haben

und ihn nicht für mich behalten konnte.

20.10.10 13:03, kommentieren

Can we pretend that airplanes in the night sky are
like shooting stars?
I could really use a wish right now,
wish right now, wish right now .

 

 

 

Dadamm..
Schau nach draußen,
was siehst du?
Den Himmel?
Aber ist er es wirklich,
und wird er es immer sein?
Oder ist er bereits nicht als Illusion?
Wie wir Sterne sehen,
die längst erloschen sind.
 

 
Die Erde ist eine Scheibe

und wir können nicht über ihren Rand hinaussehen.
 
Ich sehe grau,
alles grau,
die Wolken hassen den Himmel
denn er ist schöner als sie
so bemühen sie sich jeden Tag
aufs neue,
ihn zu verdecken.
 

 
 
 
 
 

19.10.10 15:15, kommentieren

Der einsame Händler


Der einsame Händler

Sie lag da wie tot, die offenen Augen waren leer in die Ferne gerichtet und dem leicht geöffneten Mund schien keine Luft mehr zu entströmen. Die Beine hatte sie eng an ihren Körper gezogen, die Arme schützend vor ihm verschränkt. Doch ihre Pupillen zuckten hin und her, zeugten von Gedanken, die sich wie Ungeziefer in ihre Eingeweide bohrten und nichts Ruhiges, Stilles zurückließen. Ihre Fingernägel waren bis auf's blanke Fleisch heruntergebissen worden, ihre Finger verkrampft, wie in einer nicht vollständig zu Ende geführten Bewegung verblieben. Die Decke hatte sie sich bis zum Hals hochgezogen, beinahe schützend, gegen die Geister, die die Nacht herbeirief ,   um Zeugen zu besitzen für das düstere Ritual, dass von Schmerz troff, von Leid frönte und vor Wut die schneeweißen Zähle bleckte. Still war es, drückend still. Das Szenario spielte sich unter einer Kuppel aus Glas ab, die von feinen Rissen durchzogen drohte, jeden Moment zu zerfallen und das Schauspiel Beobachtern preiszugeben. Die Nacht nährte sich in dieser Stunde von Angst, die ihr entströmte, ohne dass sie es hätte verhindern können, ohne, dass sie den Mut dazu besessen hätte. Angst ist ein beständiger Freund deines Kopfes, zuverlässig in seiner Aufwartung, unfehlbar in seinen Überzeugungen, unaufhaltsam darum bemüht,  die seine Meinungen einzuverleiben. Angst ist ein Händler. Seine Körbe füllt er mit Schreien, seine Kelche mit Blut, seine Truhen mit Tränen, die er Gevatter Tod und dem Teufel verkauft. Es ist ein Kreis, denn alles gelangt einmal zu dir zurück. Der Tod fertigt dir einen Thron aus seinen Errungenschaften, dazu geschaffen dir die Ewigkeit möglich bequem zu gestalten. Der Teufel hält sie dir dich vor's Gesicht, bricht in höhnisches Lachen aus und verlangt deine Seele als Pfand, für deine Geständnisse in den Farben Schwarz und Rot, würde er sie sonst der Masse darbieten, die jauchzend vor Wonne darauf harrt, dich mit ihrem Spott in der Luft zerreißen zu können. Nur der Wind ist dir gut gesonnen, bemüht, durch dein Fenster zu schlüpfen, Teufel, Tod sowie Angst zu vertreiben und dir seine Geschichten in die lauschenden Ohren wispern zu können. Erzählungen von fernen Ländern und Meeren, die dich vor Verzückung zu schluchzen aufhören lassen und die dich dazu verleiten mit ihm gehen zu wollen. Mit deinen Augen sehen zu können, wovon er erzählte. Den Sand in deinem Haar spüren zu können, den Tau auf deiner Haut, das Salz auf deinen Lippen. Doch es gibt viele wie dich, viel Angst, viele Sorten, viele Arten, die sich vermehren, im gleichen Augenblick in sich zusammenfallen, nur um erneut aufzuspringen und ihre Suche fortzusetzen. Du bleibst zurück, verklungene Musik im Herzen, die dich für einige Minuten zum Träumen verleitete, Es klopft an der Tür.  Du weiß, wer höflich um Einlass bittet, du bist dir des Gesellschafters bewusst, der erneut dazu ansetzt über deine Schwelle zu treten - doch diesmal bist du ihm gewappnet. Es selbst ließ bei seinem Besuch den Dolch zurück, den du ihm nun in sein steinernes Herz rammen wirst. Dein Freund, die Angst, verlor eine Träne auf seinem Weg durch dein Reich. Denn selbst die Dunkelheit, angenährt von Pein und Grauen fängt manche Nacht ein Lächeln. Ein Gedanke, der zu unberührt ist, als das man ihn hätte schwärzen können. Er verwandelt sich in des Händlers Träne. Eine Waffe, tödlicher als alle Schwerter der Welt, jedes noch so sorgsam gemischte,  in einer eisernen Phiole aufbewahrte Gift. Eine Träne, ein unberührter Gedanke, ein Lächeln der Angst.

 

 Niedergeschrieben, ausgestrichen, verbessert. Eine Nacht voller Träume,

hervorgerufen durch den Wind, der mich auf die Träne aufmerksam

machte. Sei dankbar, dem Retter, als niemand dich hörte.


1 Kommentar 18.10.10 12:04, kommentieren

Blicke zwischen den Zeilen

Blicke zwischen den Zeilen

 

Lautes Stimmengewirr, das Klirren der Gläser, wenn sie über die blankpolierten Tische fuhren, deren Holz im Laufe der Jahre ausgeblichen war. Eine Wolke hing in der Luft, bestickt mit dem brennenden Geruch der flackernden Flammen, die ihr Licht dem Raum darboten, ihm mit ihrem leben bringenden Licht beschenkten, mit dem nach billigem Bier, der einem in der Kehle hängen blieb und sich wie Nebel im Körper ausbreitete, den Zwang austeilend sich davon zu befreien. Hier konnte man sie alle beobachten, gedrungene, hoch gewachsene Bauern, denen die tägliche Feldarbeit das Funkeln der Augen stumpf werden ließ und die glaubten, nur durch einen Schluck des gedankenverwirrenden Getränkes wieder zu sich selbst finden zu können. Kinder, die erwachsen wirken wollten, und so noch viel kleiner wirkten, als sie sowieso schon waren, das Haar viel ihnen in die Stirn, die Lippen waren trotzig zusammengepresst, wollten sie doch beweisen wer sie waren, woher sie kamen. Soldaten, deren rostverdreckte Rüstungen  bei jeder noch so winzigen Bewegung aufschrien, konnten sie doch die Taten ihrer Träger nicht aus ihren Erinnerungen verbannen, und das Blut nicht von ihren metallenen Körpern waschen, das in jeden Winkel gedrungen war um sie zu erinnern, ob des allgegenwärtigen Todes. Frauen waren nicht gern gesehen, in der Stätte, die den Männern angehörte, wie diese annahmen. Umso absonderliches wirkte der schmale, unter einem Umhang verstecke Körper einer dieser Exemplare, der sich in eine der hintersten Ecken verborgen hatte, und bis jetzt ungesehen geblieben wahr. Schwarzes Haar schlängelte sich unter der unscheinbaren Kapuze hervor, und bedeckte Schultern, ihr Gesicht. Ihre Hände lagen allen Anschein nach verschränkt um den schlanken Körper. Was man nicht sah, war der lange Dolch, dessen Ursprung die lange Bekleidung war, einer Kralle ähnlich lag er, silbern glänzend in einem dünnen Schaft an ihrem ledernen Gürtel. Unruhig hob und senkte sich ihr Brustkorb, und unruhig huschten ihre Blicke über Stühle, Menschen, und immer wieder streiften sie die eiserne Tür. Ein Windstoß stob durch den großen Raum und das Feuer erlosch für die Winzigkeit eines Augenblickes als eben diese mit Schwung geöffnet wurde, und eine Gestalt sich in die Schenke schob. Seine Körper war in diesem Fall unwichtig, niemand beachtete die breiten Schultern, die hohen Wangenknochen und das Schwert, dass er mit der rechten umklammerte, was jeden erstaunte, waren seine Augen. Jedes war ein Stern, dazu geboren zu strahlen & schlussendlich bin hinein in die Ewigkeit zu leuchten. Niemand hätte es in Worte fassen können, doch jeder von ihnen, ob alt ob jung, arm oder reich, jeder von ihnen wusste für diesen Moment, wie Liebe aussah. Doch ebenso schnell wie Neugier aufflammt, erlischt sie auch wieder. Und kaum hatten sie alle verstanden, vergaßen sie auch wieder. Schlossen ihr Herz und ihren Kopf, um nicht zu lange denken zu müssen. Über ihr Leben, ihre Vorstellung davon, und die gleichbleibende, wahre Realität. Lediglich die Kinder würden weiterhin wissen. Kinder, der einheitliche Begriff, der Reinheit unterstrich, unendliche Freude, ausgelöst durch ein Wort und ebenso schnell der Vernichtung ausgeliefert. Doch auch sie wandten sich schnell ab, so jung und unschuldig sie doch waren, verstanden sie, dass die Botschaft, die das Funkeln der Augen übermittelte, nicht für sie bestimmt war.

 

Ich wollte weiterschreiben, Worte an Worte heften,

sie zusammenfügen zu einem Gedicht.. das ohne Reim existiert.

Doch die Botschaft ist nicht für uns und sollte von uns nicht angerührt werden,

 sie gebührt den zweien, die sie übermittelten.

Lassen wir die Feder ruhen, die, Tinte zu Hilfe nehmend,

das leere Blatt mit ihren Buchstaben füllte.

 

 

Für Manuel, weil es nichts schöneres gibt, als geschriebene Geschenke, und weil dies einem winzigen Dank gleichkommt, wofür auch immer.

 

1 Kommentar 16.10.10 18:11, kommentieren

Stummes Gedenken

Stummes Gedenken

 

Leise, zögernd strich der erste Ton über die Blätter der hohen Bäume, die sich zu einer lautlosen Melodie wiegenden Grashalme, sowie über die Blütenblätter der unzähligen Blumen, die sich über das gesamte Tal, bis hin zu den hohen Bergen erstreckten. Ein zweiter folgte seinem Vorgänger ebenso schüchtern, wie dieser sich auf seine lange Reise gemacht hatte. Von schmalen, bleichen Fingern gespielt, wurde den Saiten der doch so unscheinbar wirkenden Laute Töne entwandt, die vermutlich nicht einmal sie selbst hätte er ahnen können. Töne verwandelten sich in eine Melodie, die den Wind herausforderte. In einem Kampf auf Leben und Tod jagten sie umeinander herum, jeder willens dem anderen die Macht zu entreißen, erhört zu werden. Ein trauriger Zug war dem Spielenden in die Mundwinkel gewebt worden, als schien er zu wissen, ob dem stillen Kampf, der ihm zu ehren ausgetragen wurden, den er herbeirief. Seine Lippen jedoch waren mit einem Lächeln beschenkt. Die Nasenflügel bebten, als rangen sie noch mit der Entscheidung, Lachen oder weinen mit ihrer Aufmerksamkeit zu bedenken, vergeblich, zu einem Entschluss kamen sie nicht. Es heißt, ein Lied sei der unausgesprochene Gedanke der Seele, der, eingesperrt in seinem Käfig aus Gier und Gewalt so lange gewütet hatte, bis ihm die Flucht gen Freiheit gelungen war. Der Barde öffnete den Mund, als wollte er die Stimme zum Horizont erheben, und die Worte, die seinem Herzen entsprungen war, auf den Weg in die Freiheit verhelfen, um sie der Endlosigkeit zu offenbaren. Doch er stockte, erstarrte, als seinen die wahren Silben seinem Gedächtnis entrückt, verloren in der nie endenden Ewigkeit des Augenblicks. Eine Träne löste sich von seinen langen Wimpern und rollte beständig seine Wange hinab, zum trotz der verbitterten Botschaft, deren Überbringer sie war. Die Geschichte, die er hatte erzählen wollen, würde nie einen Platz in dem Gedächnis eines Menschen erhalten, dieser Wunsch blieb ihm verwehrt. Stumm saß er da, dass Instrument zwischen den Fingern, und weinte. Weinte, aus Hass auf Lebewesen, denen das Leben die Sprache zugedacht hatte, aus Trauer und einer Spur Selbstmitleid, würde er doch niemals dem Mond seine unendliche Liebe gestehen, und der Sonne seinen Hohn zu Füße legen dürfen. Stumm, ohne Worte war der Barde, der den Namen Mithras trug. Der Barde, der ohne Worte Steinen ein Seufzen entlocken konnte und der, mit einem einzigen Gedanken Schönheit zu erschaffen bemächtigt war.

 

Für Mithras, weil Worte niemals ausreichen werden, um sprechen zu können.

15.10.10 13:01, kommentieren

Der Schattenläufer

Der Schattenläufer

 

Nebel hatte sich um die Bäume gelegt, einem kalten, leblosen Umhang gleich. Die Sonne beleuchtete die Welt nur spärlich, konnte sie doch nicht ankommen gegen die Macht der Elemente, die kamen und gingen, ohne Wille und Gesetz. Ihre Strahlen bemühten sich verzweifelt, durch die engsten Lücken zu schlüpfen und es erinnerte an einen Tanz. Der Tanz der leblosen Lichter.

Licht und Dunkelheit, ein sich ewig ergänzendes Spiel, jede Macht immer darauf besessen die andere zu übertrumpfen, ohne zu bemerken, dass sie Brüder sind und waren. Gleichen einander bis auf die Seele. Und erblickt man einen der beiden, ist es einem selbst beschieden zu entscheiden, welchen der Pfade man zu wählen wagt. Nicht verwunderlich so, dass es auf beiden Seiten Anhänger gab. Jene, die glaubten zu herrschen, die dachten, Macht zu besitzen uns das Recht besaßen, sie benutzen zu dürfen. Kreaturen, die heute als vergessen gelten.

Unzuverlässig wie Gedanken sind, versuchten wir sie zu verbannen aus Kopf und Herz, hätte ihre Schönheit und Reinheit uns doch des Verstandes beraubt. Doch die Welt, die damals Sonne und Mond willkommen hieß war eine andere. Nicht die Hülle, nein, der Kern war ein anderer. Er war ein unbeschriebenes Blatt Papier. Eine Larve, die nicht entscheiden konnte zwischen Schmetterling und Schlange.

 

-

 

Der Wind spielte in seinem schulterlangen, pechschwarzem Haar, das zum Großteil die hohe Stirn sowie die kantigen Wangenknochen verbarg. Seine Augen starrten abwesend in den trüben Morgen. Ein kaltes grau beherrschte sie, kein Licht spiegelte sich in ihnen wider. Nie sollte es einem Spiegelbild gewährt werden, sich in diesen trügerischen Spiegeln zu erblicken.

Ein dunkler Umhang war um seinen hoch gewachsenen, kräftig gebauten Körper gehüllt. Der mehr offenbarte, als er verbarg. Die Umrisse einer langen Klinge zeichneten sich deutlich unter dem dünnen Stoff ab, er schien sie nicht verstecken zu wollen, vielleicht hielt er es nicht für nötig, oder er hatte es schlicht und einfach nicht bemerkt. Seine Füße waren – auf den ersten Blick – am bemerkenswertesten, sie waren bloß, keine Stiefel bedeckten die beinahe weiße Haut, die sonderbarerweise weder von Narben noch Schrammen gekennzeichnet war. Hätte ein Lebewesen seine Wege gekreuzt, er hätte es zertreten oder nicht wahrgenommen. Viel zu fern war er. Seine Lippen aufeinandergepresst, zu einer Maske erstarrt, in der nicht etwa überzeichnete Emotion zu lesen war, es war eher erschreckend, das Nichts. Ein monotoner Laut war das einzige Geräusch, dass die Stille der Stunden vor Sonnenaufgang unterbrach, seine Füße auf dem sandigen, von vielerlei Füßen festgetretenen Weg, der sich in immer verschlungeneren  Bahnen über das Land zog. Hätte man die Landschaften nicht vorüberziehen sehen, es wäre untergegangen in der Erinnerung, die Schnelligkeit mit der er seinen Pfad suchte und fand. Seine gleichmäßigen Atemzüge verwandelten sich zusammen mit den Klängen seines Laufes in einen Rhythmus, der so sicher wirkte, dass nichts ihn zu unterbrechen wagen hätte können. Er flog, so schnell glitt er über Stein, Sand, Gras.

Stunde um Stunde, einen einzigen Gefährten bei sich duldend, den Schatten, der einem Zwilling gleich seine Bewegungen nachahmte und perfektionierte. Zwei Gleiche, Dunkelheit und Licht, ein Lauf für die Ewigkeit, der ein Ende finden sollte, an dem Tag, der den Mond zu erstarren und die Sonne zu Eis erkalten lassen sollte.

 

Auf Wunsch, mit einem kleinen Dank, der dem Krähenprinzen gebührt.

 

2 Kommentare 14.10.10 02:44, kommentieren