Der Schattenläufer

Der Schattenläufer

 

Nebel hatte sich um die Bäume gelegt, einem kalten, leblosen Umhang gleich. Die Sonne beleuchtete die Welt nur spärlich, konnte sie doch nicht ankommen gegen die Macht der Elemente, die kamen und gingen, ohne Wille und Gesetz. Ihre Strahlen bemühten sich verzweifelt, durch die engsten Lücken zu schlüpfen und es erinnerte an einen Tanz. Der Tanz der leblosen Lichter.

Licht und Dunkelheit, ein sich ewig ergänzendes Spiel, jede Macht immer darauf besessen die andere zu übertrumpfen, ohne zu bemerken, dass sie Brüder sind und waren. Gleichen einander bis auf die Seele. Und erblickt man einen der beiden, ist es einem selbst beschieden zu entscheiden, welchen der Pfade man zu wählen wagt. Nicht verwunderlich so, dass es auf beiden Seiten Anhänger gab. Jene, die glaubten zu herrschen, die dachten, Macht zu besitzen uns das Recht besaßen, sie benutzen zu dürfen. Kreaturen, die heute als vergessen gelten.

Unzuverlässig wie Gedanken sind, versuchten wir sie zu verbannen aus Kopf und Herz, hätte ihre Schönheit und Reinheit uns doch des Verstandes beraubt. Doch die Welt, die damals Sonne und Mond willkommen hieß war eine andere. Nicht die Hülle, nein, der Kern war ein anderer. Er war ein unbeschriebenes Blatt Papier. Eine Larve, die nicht entscheiden konnte zwischen Schmetterling und Schlange.

 

-

 

Der Wind spielte in seinem schulterlangen, pechschwarzem Haar, das zum Großteil die hohe Stirn sowie die kantigen Wangenknochen verbarg. Seine Augen starrten abwesend in den trüben Morgen. Ein kaltes grau beherrschte sie, kein Licht spiegelte sich in ihnen wider. Nie sollte es einem Spiegelbild gewährt werden, sich in diesen trügerischen Spiegeln zu erblicken.

Ein dunkler Umhang war um seinen hoch gewachsenen, kräftig gebauten Körper gehüllt. Der mehr offenbarte, als er verbarg. Die Umrisse einer langen Klinge zeichneten sich deutlich unter dem dünnen Stoff ab, er schien sie nicht verstecken zu wollen, vielleicht hielt er es nicht für nötig, oder er hatte es schlicht und einfach nicht bemerkt. Seine Füße waren – auf den ersten Blick – am bemerkenswertesten, sie waren bloß, keine Stiefel bedeckten die beinahe weiße Haut, die sonderbarerweise weder von Narben noch Schrammen gekennzeichnet war. Hätte ein Lebewesen seine Wege gekreuzt, er hätte es zertreten oder nicht wahrgenommen. Viel zu fern war er. Seine Lippen aufeinandergepresst, zu einer Maske erstarrt, in der nicht etwa überzeichnete Emotion zu lesen war, es war eher erschreckend, das Nichts. Ein monotoner Laut war das einzige Geräusch, dass die Stille der Stunden vor Sonnenaufgang unterbrach, seine Füße auf dem sandigen, von vielerlei Füßen festgetretenen Weg, der sich in immer verschlungeneren  Bahnen über das Land zog. Hätte man die Landschaften nicht vorüberziehen sehen, es wäre untergegangen in der Erinnerung, die Schnelligkeit mit der er seinen Pfad suchte und fand. Seine gleichmäßigen Atemzüge verwandelten sich zusammen mit den Klängen seines Laufes in einen Rhythmus, der so sicher wirkte, dass nichts ihn zu unterbrechen wagen hätte können. Er flog, so schnell glitt er über Stein, Sand, Gras.

Stunde um Stunde, einen einzigen Gefährten bei sich duldend, den Schatten, der einem Zwilling gleich seine Bewegungen nachahmte und perfektionierte. Zwei Gleiche, Dunkelheit und Licht, ein Lauf für die Ewigkeit, der ein Ende finden sollte, an dem Tag, der den Mond zu erstarren und die Sonne zu Eis erkalten lassen sollte.

 

Auf Wunsch, mit einem kleinen Dank, der dem Krähenprinzen gebührt.

 

14.10.10 02:44

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bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Serji (14.10.10 02:51)
krähenprinz rules xD
schme =D


Paula (20.10.10 19:56)
wunderschöne Geschichten, Charlie. Hab sie mir noch nicht alle durchgelesen, aber es fängt vielversprechend an

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