Stummes Gedenken

Stummes Gedenken

 

Leise, zögernd strich der erste Ton über die Blätter der hohen Bäume, die sich zu einer lautlosen Melodie wiegenden Grashalme, sowie über die Blütenblätter der unzähligen Blumen, die sich über das gesamte Tal, bis hin zu den hohen Bergen erstreckten. Ein zweiter folgte seinem Vorgänger ebenso schüchtern, wie dieser sich auf seine lange Reise gemacht hatte. Von schmalen, bleichen Fingern gespielt, wurde den Saiten der doch so unscheinbar wirkenden Laute Töne entwandt, die vermutlich nicht einmal sie selbst hätte er ahnen können. Töne verwandelten sich in eine Melodie, die den Wind herausforderte. In einem Kampf auf Leben und Tod jagten sie umeinander herum, jeder willens dem anderen die Macht zu entreißen, erhört zu werden. Ein trauriger Zug war dem Spielenden in die Mundwinkel gewebt worden, als schien er zu wissen, ob dem stillen Kampf, der ihm zu ehren ausgetragen wurden, den er herbeirief. Seine Lippen jedoch waren mit einem Lächeln beschenkt. Die Nasenflügel bebten, als rangen sie noch mit der Entscheidung, Lachen oder weinen mit ihrer Aufmerksamkeit zu bedenken, vergeblich, zu einem Entschluss kamen sie nicht. Es heißt, ein Lied sei der unausgesprochene Gedanke der Seele, der, eingesperrt in seinem Käfig aus Gier und Gewalt so lange gewütet hatte, bis ihm die Flucht gen Freiheit gelungen war. Der Barde öffnete den Mund, als wollte er die Stimme zum Horizont erheben, und die Worte, die seinem Herzen entsprungen war, auf den Weg in die Freiheit verhelfen, um sie der Endlosigkeit zu offenbaren. Doch er stockte, erstarrte, als seinen die wahren Silben seinem Gedächtnis entrückt, verloren in der nie endenden Ewigkeit des Augenblicks. Eine Träne löste sich von seinen langen Wimpern und rollte beständig seine Wange hinab, zum trotz der verbitterten Botschaft, deren Überbringer sie war. Die Geschichte, die er hatte erzählen wollen, würde nie einen Platz in dem Gedächnis eines Menschen erhalten, dieser Wunsch blieb ihm verwehrt. Stumm saß er da, dass Instrument zwischen den Fingern, und weinte. Weinte, aus Hass auf Lebewesen, denen das Leben die Sprache zugedacht hatte, aus Trauer und einer Spur Selbstmitleid, würde er doch niemals dem Mond seine unendliche Liebe gestehen, und der Sonne seinen Hohn zu Füße legen dürfen. Stumm, ohne Worte war der Barde, der den Namen Mithras trug. Der Barde, der ohne Worte Steinen ein Seufzen entlocken konnte und der, mit einem einzigen Gedanken Schönheit zu erschaffen bemächtigt war.

 

Für Mithras, weil Worte niemals ausreichen werden, um sprechen zu können.

15.10.10 13:01

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