Der Joker

Der Joker

 

Bunte Blätter flatterten um seinen geschmückten Körper, als er tänzelnd auf die kleine Bühne sprang. Durch die wartende Menge fuhr ein Raunen, ein sofort wieder verstummendes Wispern. Auf seinen Lippen lag ein selbstsicheres Lächeln, dass von der weiß-schwarzen Farbe verborgen, ungesehen blieb. Seine Augen waren weiß umrahmt, von einer kleinen blauen Träne geziert. Der Mund war bildhaft zu einer traurigen Grimasse verbogen, gezeichnet von hellen Tupfen. Er steckte in einem Kostüm, dass viele Nummern zu groß gemacht worden war. Unsicher hing es an ihm herab und bildete einen schmerzhaften Kontrast zu seinem Träger. Grell fuhr einem das Rot, Gelb und Grün zwischen die Lider, die man im ersten Augenblick überrascht zusammenpresste, doch schnell wieder aufschlug, in ungeduldiger Erwartung auf das Geschehen harrend. Seine Hände steckten in fleckigen Handschuhen, die er, nun da die Zuschauer sie entdeckt hatten ebenfalls empört betrachtete und sich suchend nach einem Schuldigen hin und her drehte. Einigen legte sich das erste Lächeln auf die Lippen, Kindern, Hausfrauen und Händlern, die vorübergehend ihre Stände schlossen, um teilhaben zu können. Die Kleinsten waren zu Anfang erstaunt zurückgewichen, Furcht in den blassen, schmalen Zügen, vor diesem Fremden, der einer anderen Dimension entflohen war und nun in Sprachen zu sprechen schien, die niemand beherrschte, aber alle zu hören gehofft hatten. Die Sprache der Harlekine. Doch dieser war anders. Er bezog sich auf jede Bewegung, legte in jede Silbe einen betonenden Akzent. Ja, anders, anders als die Übrigen traurigen, vor lachen weinenden Clowns, die den Marktplatz täglich aufsuchten und mit überzogenen Gesten ein Lachen forderten. Dieser schien um die Freude des Einzelnen bemüht, wirkte als wäre er mir der Geschichte alle vertraut und wüsste zu jeder eine Melodie. Die Glocken, die an seinen himmelblauen Schuhen befestigt worden waren, begleiteten jeden Schritt mit ihrem eigenen, klingenden Applaus und der Hut, den er sich in die Stirn geschoben hatte, rutschte zu jedem aufeinandertreffen der metallenen Instrumente ein Stück weiter hinab, bis er beinahe seine Augen bedeckte und die fein geschwungene Nasenspitze berührte. Niemand konnte ahnen, wer er war, niemand würde je danach fragen. Der Mensch hinter der Maske war gleichgültig im Angesicht des Schauspiels, dessen Hauptdarsteller er war. Keiner würde nach seinem Namen fragen. Ihm würde es nicht missfallen, liebte er doch die Rolle, die es ihm erlaubt jeder zu sein und alles zu dürfen. Mit leisem, unhörbaren Spott bedachten seine Blicke die Masse, die sich immer dichter um ihn drängte. Sein Tanz war gleich, ebenso wie die Worte, die er ihnen in die gierigen Hände warf. Sein Auftreten war Beweis genug, sie wussten, wie sie zu handeln hatten. Eine genauere Vorgabe, als einen Clown konnte man ihnen nicht liefern. Waren sie sich doch nur so sicher, lachend das Richtige zu tun. Aber war es wirklich ein Clown, der ihnen vor die Leiber hintrat, oder war es der Unbekannte in beliebtem Kostüm? Ein Künstler, dessen Herz und Seele sich dem verschlossen und verbarrikadierten, hinter einem schiefen Grinsen, das besagtes Kostüm nur als Mittel zum Zweck erklärte. Ein Giftgemisch, gebraut um sie erblinden zu lassen, um sie weniger sehend zu machen als zuvor. Oder um es derart hervorzuheben, dass sie ihn bemerkten, den Schleier, der sich nebelgleich um ihre Netzhaut wand, jeden Blick sofort zu verhindern wusste. Wer ist schon in der Lage die Denkweise eines solchen zu erfassen? Wohl keiner. Tag für Tag, Monate, die sich in Jahre wandeln, immer der Aufgabe bewusst, wissen schaffen zu müssen, zieht er durchs Land. Der mit einer Träne bemalte Harlekin, der verhinderte Clown, der Joker.

 

 

Für den Joker,

weil ich glaubte seinen wahren Namen gefunden zu haben

und ihn nicht für mich behalten konnte.

20.10.10 13:03

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