Flügellose Fabel

Flügellose Fabel

 

Das Blut floss in dünnen Rinnsälen auf den bewachsenen Boden und verschwand beinahe Augenblicklich zwischen den sich steil der Sonne zugewandten Grashalmen. Die Vögel jubilierten schamlos weiter im Angesicht des Grauens, dass sich vor ihnen zu verbergen suchte. Ihre kleinen, flinken Augen huschten nur kurz über die am Boden kauernde Gestalt ehe sie anderen – weitaus wichtigeren – Aufgaben ihr Interesse schenkten. Der Mond entblößte die spitzen Zähne, als er ein lautloses Lachen über den Himmel grollen ließ, der wie im Donner erzitterte. Die Sterne duckten sich unter den angedrohten Schlägen, wagten es nicht sich gegen den blassgrauen Diktator zu erheben, der sie erwartungsvoll aus den Augenwinkeln beäugte. Bereit, jederzeit einen von ihnen aus den Reihen zu entfernen und mit einem winzigen Windhauch in die Endlosigkeit zu befördern. Die Blätter der Bäume, die Jahrzehnte kommen und gehen gesehen hatten und nun alt und abgestumpft ihr Dasein fristeten, flüsterten ihr liebevolle, beruhigende Worte zu, die nicht helfen konnten, so sehr sie sich auf in ihre Richtung zu strecken bemühten. Einer von ihnen hatte einen Schritt zu viel getan, hatte sich zu weit nach vorne gebeugt. Wimmernd löste er sich von seinem Erschaffer und landete Schluchzend neben ihr im Gras. Kaum hatten seine feinen Fühler die Erde berührt erlosch auch schon jede Empfindung, jeder Gedanke an das Leben, dass es geführt hatte, zuvor. Die Kerze des Blattes brannte aus, war noch ein Mal aufgefahren, ein letzter Gruß, der dem Tod die Arme entgegenstreckte, ein bleiches Lächeln auf den Lippen. Seine Brüder starrten ihm in melancholischer Bedachtheit nach, im Wissen selbst einmal unterzugehen. Eine erleichternde Freude verbreitend, dankbar, für die Zeit, die noch blieb. Es fing zu regnen an, tränkte Wald und Flur mit Leben, schuf eine dünne Wand gegen Schaulustige und unterband jeden Versuch eines Blickes auf wenige Meter. Er wusch ihr das Blut vom Körper, die Tränen aus dem Gesicht. Sie, das Fleisch gewordene Märchen, das nicht akzeptiert hatte werden können. Das man einst besonders nannte, nun auf eine Stufe stellte mit den untersten derer, die zu leben verdient hatte. Mit großen Augen hatte sie sie angesehen, groß, unwissend und unendlich traurig, hatte sie das Warum nicht erfassen können. Doch wer begreift schon immer den Grund einer Tat? Nichtsahnend hatten sie die Reinheit eines Wesens zerstört, dass nicht zum Wandeln auf dieser Welt geschaffen war. Sie hatten ihre Seele mit Blut befleckt und ihr die Definition „Leid“ auf ewig ins pochende Herz geritzt. Hinausgerissen und mit Füßen getreten hatten sie ihren Glauben an das Gute, das vorherrschend gewesen war, verlacht. Nun saß sie da, starr vor Furcht, blankes Entsetzen in die Winkel ihrer glasklaren Augen gezeichnet. Sie trug ein Kleid, das einst schön gewesen war, nun aber lediglich noch dazu diente ihr wenigstens die Unschuld zu belassen. In dünnen Fetzen hing es an ihr herab, unsicher in die Gedanken verstrickt die ihm eingeflößt wurden. Ein Klagelaut entfloh ihrer heiseren Kehle. Ein Lied, dass uns taub gemacht hätte, zu viel Wahrheit hätte ihm innegewohnt. Alle  Intensität legte sie in Buchstaben, die Worte formend durch die Wipfel fegten, ein Vorwurf der verzieh, fest an die Gewissheit geklammert, noch ein letztes Mal sprechen zu dürfen. Es verstummten die Vögel, der Mond blickte beschämt zu Boden, die Sterne schrien gequält auf und die Blätter weinten, während sie ihr zusahen, beim Weg, der durch Hoffnung geebnet wurde. Ein Stück, ihr zu Ehren aufgeführt. Ihr, die es nicht mehr bemerkte. Glasig blickte sie ins Nichts, kein Leid würde mehr in ihre Schläfen vordringen, Hass nicht mehr ihre Haut zu Grunde richten. Sie hatten sie getötet, geschändet und dahingerafft. Das Fabelwesen, die Elfe, der man die Flügel genommen hatte. Abgetrennt mithilfe von zwei blanken, im Licht aufblitzenden Messern. Sie hatten ihr nicht glauben wollen, dass sie ihre Seele darstellten. Ihre Freiheit, ihren Sinn in Märchen. Die Perfektion, die alleine wertlos war. Zu spät, alles verloren. Tot war sie, tot! Ermordet, vernichtet, wie wir sie alle vernichten werden. Diejenigen, die uns einst in den Schlaf sangen, verkleidet in Geschichten, unendliche Geschichten, die wir in unseren Träumen weiterwebten und neue Farben und Formen verliehen. Ausgelöscht war sie worden, von unseren Händen, unseren Blicken. Die mit Vollkommenheit gesegnete Elfe, der wir das Wunder genommen hatten.

 

 

Für all die vergessenen Märchen,

die einst von unserer Liebe am Leben gehalten

und unbedacht in den Staub geworfen wurden

kaum, dass wir dachten

erwachsen zu sein.

 

Und für Thorsten,

weil er sie liebt und versteht

und weil er las, was ich schrieb

mit Herz, Verstand.

21.10.10 10:02

Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen