Der Kostümball

Der Kostümball

 

Sie stand vor einem kleinen Laden, der, so unscheinbar er neben den anderen – weitaus größeren – wirkte, von innen heraus zu strahlen schien. In goldenen Schriftzügen war der Name des Geschäftes auf das gläserne Schaufenster tätowiert, hinter denen in langen Reihen die Ware bereitstand. Mit leichten, vorsichtig auftretenden Schritten ging sie zögern darauf zu und öffnete die ebenholzfarbene Tür. An der Decke war ein Glockenspiel angebracht, das nun dem Besitzer vom Eintreten des neuen Gastes kundzutun versuchte. Vergeblich schlug es seine klingenden Töne an, rief mit der hellsten Stimme. Niemand kam. Schweigend diskutierten Kopf und Herz über bleiben und stillschweigend verschwinden, nie dagewesen sein. Das Herz siegte, sie blieb. Unbefangen musterte sie die Kleider, die von marmorfarbenen Statuen auf Position gehalten wurden. Zärtlich strichen ihre Finger über Samt und Seide, auf der Suche nach.. ja, wonach eigentlich? Nach dem, was passte, nach dem was Gedanken widerspiegelte und nach dem, was sie zum Lächeln zu bringen vermochte. Nach der Wahrheit gehüllt in Stoffbahnen. Sie trat vorbei an schwarzen Truhen, die vollkommen überfüllt mir Dingen protzte, denen sie nicht einen Wimpernschlag schenke, an Schränken, deren Inhalt bei ihrem Anblick jubilierte und jauchzend in die Hände klatschte, in dem Wunsch ihr zu gefallen. Kein Blick streifte sie, blind für alles und doch sehender als jeder schaute sie vorbei, bis sie hängen blieb. Ein Kleiderbügel hielt das Tuch aus schwarzem, stumpf glänzendem Stoff, der dick und schwer über dem eigentlichen Schatz hing. Als wollte er die Trennung verhindern klammerte er sich mit jeder Faser an seinem Schützling fest. Eine Erinnerung, die nicht verloren gehen wollte. Sie legte ihn achtlos beiseite. Ihre Augen waren gefangen auf das Kunstwerk gerichtet, dass schüchtern den Kopf senkte, kaum dass ihre Blicke sich trafen. Der Kragen war aus Sternenstaub, vom Marienkäfer eigens auf Flügeln getragen, unendliche Weiten, die sich in ihm zu spiegeln vermochten. Die Manschettenknöpfe murmelförmige Brillianten, ein noch nicht verschenktes Lächeln. Der Anzug war von der Königin gewebt, die Sonne hatte winzige Funken ihres lodernden Lachens hinzugefügt, vermischt mit dem Gedanken an einen kalten Wintertag, schneebedeckte Dächer im Wind. Die Hose war aus zweierlei, Weisheit und Wissen, ein noch nicht entdecktes Geheimnis, das sehnsüchtig darauf wartete, anprobiert und für gut befunden zu werden. Die Schuhe hatten eine feste, kräftige Sohle, geschmiedet aus Stolz, Trotz und dem Drang, sich zu beweisen, auf den langen, verschlungenen Pfaden, die das Leben uns unter einer silbernen Haube serviert. Schwarzer Lack bedeckte sein Antlitz, eine Haut, die alles an sich abperln lassen konnte, ohne Schaden zu nehmen. Nur etwas fehlte. Der Träger, Zusammenschluss aus Liebe und Hass, die vermengt einen Tropen Unsterblichkeit, das Elixier des Lebens ergeben, das unsereins erst liebeswert macht. Zärtlichkeit ins Haar gesponnen, Geduld in die großen, schmalen Hände, Vertrauen in seine Augen, die jene, die es wagten hineinzusehen entführten in Märchen ohne Wiederkehr, in eine unendliche Geschichte. Und sie verstand. Der Verkäufer hatte nicht kommen können, er war allzeit anwesend gewesen, verborgen hinter Tüll und Saum. Das Kostüm wählte den Träger. Nach Augen, Haar, Hand, Herz. Zwinge niemals eine Maske unter deine Herrschaft. Sie könnte sich besinnen und fortlaufen, in dem Moment, da du am meisten auf die angewiesen bist. Lass uns gehen. Besitzen wir beide unsere Umhänge aus leblosem Glas, unter denen wir manchen, seltenen Blick gewähren. Die Tür schließt sich, das Glockenspiel verstummt in seufzender Resignation. Und wir rennen gemeinsam die Straße hinab, gehüllt in einen Mantel flüssiger Illusion.

25.10.10 17:25

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