Schweigende Berufung

Schweigende Berufung

 

Du stehst inmitten der wirbelnden Masse, im lauten Stimmengewirr. Das Auge des Sturms, dessen Hohlraum dich schweigen lässt. Ruhe beherrscht dich, eine Ruhe, die nicht leer ist, sondern voller Leben. Du bist die Sonne, um die die Planeten kreisen, das Nichts im Meer der Teilchen. Manches Wort, fragend an dich gerichtet, wird überhört, auf ewig vom schwarzen Loch verschlungen, ein Flug in die Ewigkeit des Unterbewusstseins. Der hungrige Abgrund verschluckt alles, nicht soll in der Lage sein dich zu erreichen. Deine Hände streichen sanft über die Bögen leeres Papier, dass sich in der Hoffnung vor dir zu Boden warf, bloß gelassen zu werden. Bloß und rein. Zu spät, verloren, ein Bleistiftstrich verunreinigt das weiße Eis aus stillem Stahl. Doch du bist dir keiner Schuld bewusst, deine Absichten – bisher undenkbar in den Staub geschrieben – offenbaren sich in Wort und Tat. Du warst gekommen, um Leben zu schaffen, verkleidet in graues Gewand. Die Gesichter bleich, du schreibst Gefühl hinein, ohne Ausdruck, du vergibst Bewegung und Klang. Malst in fließenden Schritten Stimmung, ob lachen oder weinen. Ein Stauen in den Wimpern hängen, misstrauen um den schmalen Hals geschlungen, einer Kette silbriger Perlen gleich. Fertige Geschichten, für jeden Strich eine, alles hat sein Leben. Oder du lässt sie berichten, von tiefer Tintenschwärze, blanken Seiten. Schreibe nieder aus ihrem Wort und Werk, lausche auf heisere Stimmen, die dich erschaudern lassen, in Euphorie versetzen und dir einen wohligen Schreck den Rücken hinunterjagen. Du wirst versetzt an Orte, die dir fremd erscheinen, falscher Ton, eine unbekannte Melodie. Dringst ein in Welten, die nicht die deinen sind. Zieh dich zurück aus den Erinnerungen anderer, die nicht deinem Besitz angehören! Du dienst lediglich als Überbringer, als Medium für unsere Zeichen der Verständigung. Woher Ideen stammen ist unklar. Sie überfallen dich, reißen aus dem Sein. Zerren dich brutal zu Stift und Zettel, haben sie zu sprechen geplant. Nach vollbrachter Tat lehnst du dich erschöpft zurück, ausgelaugt von der Gabe, die dich in fremden Zungen sprechen lässt. Blicke scheinen nach ihnen greifen zu wollen, den Leben der Unbelebten, denen du zu denken und fühlen verholfen hast. Schließe sie in Eisen ein, ein Diamantschloss hänge davor, werfe den Schlüssel ins Feuer und sieh ihm still und heimlich beim verenden zu. Das Werk getan, zurück bleibt lediglich die freudige Furcht nochmaliger Berufung. Schließe die Augen, sinke in tiefen Schlaf, einige Blätter neben dir liegend, bedeckt mit kleinen, feinen Gebilden, ebenso in Schlummer gefallen, bereit, jederzeit aufzuspringen und dir die Erzählung zu unterbreiten, die ihnen innewohnt. Lies mit Bedacht, jedes Wort analysierend. Zeit ist Freund und Feind, lass dich nicht betrügen. Gedanken verweilen zu gern im Augenblick, still, in mitten der wirbelnden Masse.

 

 

 

25.10.10 18:33

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