Künstler

 

Künstler

Sei ein Maler,

Sei Erschaffer.

Fühle die Farben, die dich umgeben, fühle dich verpflichtet sie der Welt zu präsentieren, spür sie in der Kehle, im Drang aussprechen zu müssen, was du in ihnen siehst. Beschreibe einzelne Facetten, Unebenheiten in deinen Worten, gib jeder Spalte, allen noch so feinen Rundungen einen Namen, der uns Tränen in die Augen treten lässt. Pinselstriche, mit der Morgenröte überzogen, zart getaucht in blau und grau. Die Sonne tritt, einen Kämpfer gleich, in den Ring des Himmelns, dem Netz aus Spinnenweben ausweichend, den du ihr in der Hoffnung entgegengeworfen hast, sie fangen zu können. Doch die Sonne ist schlau, intelligenter als du zu ahnen wagtest. Immer näher kommend bemühst du dich verzweifelt, sie zu skizzieren. Ihr Auftritt in grellen Farben beschrieben, das Rosa der Blüten, lila des Mooses, das sich zu färben weiß, nach Wunsch und Verlangen. Bald ist sie da, ihr Haupt erscheint wie schüchtern am Horizont. Der Läufer zu ihren lodernden Füßen in orange, blass blau. Als Zuschauer, hart gezeichnete Wolken, man glaubt sich auf ihnen niederlassen zu können, gebieterisch herrschend über den weißen Ozean. Ein gigantischer Thron, für Engel bestimmt. Im Geiste siehst du sie tanzen, strahlen. Im weichen Flaum versinken, ihr lachen schallt echogleich durch das Land ohne Konsistenz, Ebene der nebligen Träume. Hier oben herrschen neue, andere Gesetze als bei uns, die wir am Boden festgeklammert, Angst haben wegfliegen zu können. Alles ist möglich aus ehrlichem Wunsch, forme deine Welt nach deinen Vorstellungen, erfinde die Norm, der wir Form und Gestalt aufzwängten, neu. Seh’ Leben, wo nie eines war. Baue Schlösser auf Sand und fertige Speisen aus Stein. Lass los, gleite auf einer Bahn, gewebt aus Fantasie, flüchte vor alptraumartigen Schatten, verberge dein Antlitz hinter einem Geheimnis und gestalte dein Haus aus Vergangenheit und Zukunft. Der Pinsel schweigt, erzittert in unterdrückter Spannung, beharrlich auf den Beginn wartend, der ihm erlauben würde sein Werk zu vollenden. Sie flüstern, wispern, in hohen, schrillen Stimmen Worte, die sich ähneln, gleich sind, immer wieder, ein Mantra, nicht mehr. Eine beschwörende Formel:

Sei ein Maler,

Sei Erschaffer.

27.10.10 15:41

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