Urteil

Urteil

 

Deine Schritte auf dem harten Asphalt, dein Atem, der in sich verflüchtigenden Wolken an dir vorüberschwebt, er kommt von dir, und nicht von dir. Du bist Teil des Verarbeitungsprozesses, der viel und wenig Zeit beansprucht, gemessen an lang und kurz. Rauch steigt aus den Schornsteinen der Häuser die, jeder für sich existieren. Nebeneinander allein, sie sind erst eins, fängt man an jene zu betrachten, die ihnen innewohnen. Für sie alle hat der von ihnen benannte „Tag“ mit der Sonne zu beginnen, die „Nacht“ mit dem Mond. Lausche auf Donner, der keiner ist, nie einer sein wird. Am Himmel Wolken, die nicht sind, lachen, ungehört. Im Augenblick bist du gefangen, wagst es nicht über die unsichtbare Grenze zu treten, die Moment und Realität trennt. Verweile noch ein wenig, höre auf zerstörte Stille, versehentlich zerbrochen, Schuld, die niemanden trifft, und alle. Dumpfes Echo, Schuhe, die auf Grund und Boden treffen. Sie sammeln sich, wachsen, ein andauernder Ton, einer verstummt, von zwei neuen ersetzt. Leise Note, die sich in Sprache wandelt, mutiert in Laute, beendet als unendlicher Faktor, der ebenso gut störend, wie angenehm sein kann. Beschrieben wurde Weg, Ankommen, geendet mit dem Sein, Dasein. Du sitzt, gestoßen in Raum und Zeit in mitten der Worte, die dich berieseln manches Mal, dich stören, ein anderes. Der Schmerz in deinem Kopf wächst, du fühlst dich an den Marterpfahl genagelt, unter der Beigabe rostiger Nägel. Ein Fragezeichen auf die Stirn tätowiert, umgeben von Anhängern einer unbekannten Religion. Vermutlich sind sie sich der Opfergaben nicht bewusst, die der Huldigung des Gottes dienen. Er ist unter uns, verborgen hinter einer Rüstung, die in der Sonne funkelt, im Schatten jedoch an Wert verliert. Er zeigt meist ein lächelndes Gesicht, sein wahres Ich bleibt hinter dem Helm aus schwarzem Stahl. Selbst seine Augen sind verdeckt, ein blechernes Scharnier, ungeöffnet, auf ewig verschlossen. Du bist der Ketzer, eingedrungen in Tun und Tempel, hast umgestoßen Bänke, Altar und die Götter verflucht. Deine Abscheu? Wohl zu Genüge offen dargestellt, an riesige Plakatwände geschrieben und allerorts verteilt, aber sie starren geradeaus, durch dich hindurch. Wie soll man auf ungesehenes, ungehörtes reagieren? Wie kann es möglich sein, still zu schreien? Und du bist nicht allein, nein, dir folgen Gläubige, die deiner Sekte angehören. Aber sind wir nicht auch taub und blind gegen die Stimmen der anderen? Haben wir je versucht, ihnen zu lauschen? Nie! Wir klammern uns an ihre Falschheit, an unser Wissen, ob ihrer Fehler! Ohne Augenlicht erblicken wir Makel in anderen, ohne Gehör nehmen wir ihre Sprache wahr. Aber wer will Klagen, wenn er selbst auf der Anklagebank zu sitzen hätte? Kann sich jemand zum Richter aufschwingen, wenn Tod und Teufel für schuldig erklärt, Leben und sterben dem Saal verwiesen, das Universum eng an eng in den Zuschauerreihen hockt? Der Staatsanwalt, die Ozeane, Verteidiger bilden Erde, Gestein. Nur der Oberste ist nicht auffindbar, verschollen im Packeis der Verantwortung, erfroren in Kälte und Last, die Rechtspruch mit sich zu bringen wagt, hineingezogen in Treibsand, den er betrat, auf seinem Weg in den Gerichtssaal, der sich unerreichbar versperrt, von Hass, Liebe, Zuneigung belagert, aus der Leere erhebt. Gefühle schaffen Mauern, ebenso wie sie die Macht besitzen, diese wieder einzureißen. Können Waffen sein, Schwerter, Schilde mit Pfeil und Bogen ergänzt, ein Katapult, dass Seelensteine schleudert. Eine Armee, die töten ebenso beherrscht, wie die Kunst, Leben zu schaffen. Wer bist du? Zuschauer, Kläger, gehörst du zu den Geschworenen, die Fledermäuse gleich, kopfüber die blank geputzten Stühle besetzen? Wir sind alles, wir richten, klagen an, verteidigen, und glauben zu allem Überfluss auch noch, über all dies entscheiden zu können. So lass ihn uns nun gemeinsam betreten, den Hort der Paragraphen, Friedhof der ungeschriebenen Gesetze. Nimm Platz an meiner Seite, ohne, dass die Bedeutung mitspielt, welche Rolle wir übernahmen. Lass und Tränen lachen, weinend applaudieren und sein wie die anderen. Erheben wir uns, ist der Entschluss gefasst, strömen hinaus, einer, zwei, viele. Verabschieden wir uns mit einem knappen Kopfnicken höflich von Leben, Tod, Teufel und gehen unsere Wege  Wie alle, wie immer.

29.10.10 23:33

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