Das Mädchen

Das Mädchen

 

In Lumpen, die an ihr zu groß und klobig wirkten saß sie im Angesicht der Zuschauerreihen. Eine Strähne hatte sich aus der Frisur gelöst, die ihr eng an die Kopfhaut gebunden worden war. In ihren zitternden Händen hielt sie ein Blatt Papier, zerknittert, von vielen Berührungen zerfressen. Sie war zum lesen gekommen, und sie las. Ein erstickter Ausruf ging durch die bisher gespannt wartende Menge. Falsch hatte sie die Worte betont, zu hoch, zu tief, nicht richtig, wie absichtlich. Sie hielt inne, sah mit großen ewig staunenden Augen auf die Menschen, als hätte sie den Klang ihrer eigenen Stimme zu hören verlernt, als hätte sie schon zu oft die Melodie verstellt, die fortwährend ihrer Kehle entrann. Ihr Mund war leicht geöffnet, die vollen Lippen eine sanft geschwungene Frage nach dem Warum. Aber wer war das Mädchen, dessen blauer Traum sie kaputt gemacht hatte, die „Halt“ Ruhe so oft vernommen hatte, dass sie taub geworden war, so taub, dass sich selbst ihre Seele beim versuch sie zu erreichen heiser geschrien hatte? Von Fern wirkte sie puppengleich, schmal, aus kostbarem weißem Porzellan, dem man mit wenigen Strichen Farbe gegeben hatte, aber nicht Leuchten, dass den glasklaren Augen ursprünglich hatte entströmen sollen. Ihr Herz hatte man dem Kind in die feingliedrigen, beinahe durchsichtigen Hände gegeben, die es nur mit den Fingerspitzen hielten. Es war in ein seidiges Tuch gehüllt, dass ihm einen perlmuttfarbenen Schimmer verlieh, aber, sollte es ihr entgleiten, hilflos dabei zusehen würde, wie es am Boden in winzige Splitter zerbarst. Sie war ein Schatten, auf der Suche nach jenem, dessen dunkle Seite, dessen Gegenstück sie war. Ein Dämon, der, sollte er seinen Erschaffer finden, jenem den Körper nehmen würde, um selbst davon Besitz zu ergreifen. Doch sie würde nicht bemerken, dass auch Schatten leblose Hüllen hinterließen, wandten sie sich vom Leben ab. „Sieh dich an, Kind.“ Flüsterten die Sterne in hilfloser Besorgnis. „Schau dir einmal, einmal nur ins Herz.“ Doch das Mädchen wollte nicht hören, ihre Wangen färbten sich flammend rot und ihre Entgegnung war hart und kalt: „Ich kenne mich, jedes winzige Stück meiner Haut. Stört mich nicht, ihr, die doch nur längst verklungene Lichter seid. Ihr braucht mich nicht zu belehren, begreift vorerst selbst, wie erbärmlich ihr euch zeigt.“ Die Sterne schwiegen, sahen einander an, weinten. Sie hassten harte Worte, die den feinen Staub von ihren Strahlen fegten, die ihnen das Lächeln aus den Mundwinkeln stahlen. Langsam, im letzen Blick verharrend wandten sie ihr den Rücken zu, bereit zu verzeihen. Sie saß bereits wieder auf ihrem Stuhl, Wissen, Glaube und tief sitzende Selbstzweifel und las falsch ertappte Lügen. Wünsche, die einst weiß gewesen waren.

10.11.10 14:58

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