Kein Entkommen

 

Die Krähen, Boten der Unterwelt, Spione des Teufels, gehüllt in schwarzes Gewand, wandelbar und unerkennbar schweben sie über uns, unter uns.

Ihre pechfarbenen Schwingen schließen uns in eine Umarmung,

wir fühlen die kalten Federn auf unserer Haut, spüren ihren eisigen Atem in unserem Nacken. Angst packt uns, wir wissen nicht wovor.

Ein Hauch umspült unsere Körper, lässt unser Haar verspielt zurückweichen.

Die Flügel der Vögel schlagen zusammen, ein tosender Orkan.

Wir werden fort gestoßen, mitgerissen in die Fluten.

Es ist unser Gewissen, unser Verstand der uns mit sich zog, weit weg,

so weit weg wie nur irgend möglich von jenen, die dem Tod näher sind als alle anderen.

Ihr Kreischen lässt uns erstarren, zerreißt unser Trommelfell, einer Ohnmacht nahe.

Ihr unbändiger Zorn, flammende Wut versucht uns niederzuschlagen.

Wir falten die Hände über unseren Köpfen, beten zum Himmel,

zu den Göttern, im Flehen uns zu erlösen.

Bäume werden gnadenlos entwurzelt, ihre Blätter durcheinander gewirbelt,

ohne auf ihr hilfloses Schreien zu reagieren. Blumen,

das taufrische Gras neigt sich zu Boden, einer vorsichtigen Verbeugung gleich kommend. Das Zucken ihrer schmalen Leiber wird übersehen.

Unsere Gesichter werden von Furch verzerrt,

unsere Augen sind krampfhaft zusammengepresst, unsere Rufe gehen im Sturm unter.

Wir versuchen sie zu verletzen, ihnen die Haut von den blanken Knochen zu reißen.

Sie wirkten so verletzlich im bleiernen Mondlicht.

Ihre Augen wirken so stumpf, leer.

Als unsere Fingerspitzen ihre Krallen berühren, Zacken, die zum verletzen gemacht worden waren, erschrecken wir, öffnen verstört die blanken Münder.

Eiserne Ketten liegen um die schmalen Zehen, pressen sie fest zusammen, hinterlassen Striemen auf der dünnen Haut.

Blut sickert zwischen ihnen hervor.

Wir sehen den Krähen erneut ins Gesicht, erwarten eine Regung, ein verschwindendes Licht.

Ihre Augen weiterhin trübe, leer, ein finsterer Schleier.

 

Wir öffnen fragend die Lider, sehen uns verwundert an.

Das Kreischen wirkt farblos, gegen die Ketten.

Die eisigen Federn verlieren an Glanz im Angesicht mit dem Kerker, der sich allgegenwärtig um sie schloss.

Eine Hand wird langsam erhoben, bewegt sich auf den Vogel zu, der gleichgültig in die Ferne starrt, zu kämpfen verlernt hat.

 

Wir erkennen ihn.

 

Er ist nicht Bote, nicht Kundschafter zwischen Himmel und Hölle.

Er ist nichts als ein Vogel, dem der Tod die Freiheit nahm, dem Ketten angelegt wurden,

um ihn zu halten, davon abzuhalten zu fliehen.

Ein Blinder Abkömmling jener, die einst in Hehrscharen die Wälder bevölkerten,

Mit ihren schmalen Körpern die Sonne verdunkelten, um uns an die Schönheit der Nacht zu erinnern.

 

Wir weinen bittere Tränen, als wir uns der Schuld bewusst werden, mit der wir unsere weißen Leiber beschmutzten.

Wir taten ihnen Unrecht, steinernes, hartes Unrecht.

 

Wir setzen dazu an sie zu befreien, die Fesseln zu lösen, das Blut fort zu wischen.

Ein Stromschlag lässt uns zurückfahren, wir wimmern leise auf.

Eine Stimme ertönt, weißt uns zurück, schlägt uns fort.

Wir landen in unserer Welt,

unsere Finger wund, wir wissen nicht wovon

unsere Wangen von Tränen bedeckt, wir wissen nicht woher.

Haben bereits wieder vergessen, die Lehre, die wir zu schließen hatten,

aus der Erkenntnis, dem Tod niemals entrinnen zu können.

Der Teufel, die Götter nehmen, nach was es sie dürstet, verlangt.

Wir waren töricht zu glauben, uns ihnen widersetzen zu können.

Nun ist es vergessen, hinter blinden Augen stumm geschrieben,

wir sehen uns an, lächeln.

Unverständnis im Herzen, Hoffnung im Kopf.

 

 

14.11.10 18:48

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